Bildung : Zöllner tritt beim Turboabitur auf die Bremse

Der Berliner Bildungssenator hat angeregt, die Stundenpläne auszudünnen, um Schüler zu entlasten. Nur Gymnasiasten sollen weiter volles Unterrichtspensum leisten.

Susanne Vieth-Entus

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) will auf dem Weg zum Turboabitur einen Gang zurückschalten: Es sollen nicht mehr alle Oberschüler ab Klasse 7 gezwungen werden, das Unterrichtspensum für ein Abitur nach zwölf Jahren zu absolvieren. Wer kein Abitur anstrebt oder zumindest keines nach zwölf Jahren, soll wieder so viel Unterricht haben wie früher. Dies will Zöllner im Gesamtpaket mit der geplanten Strukturreform zur Diskussion stellen. Die neue Regelung hätte Auswirkungen für mehrere Zehntausend Schüler.

Seit drei Jahren müssen alle Schüler in Real- , Gesamtschulen und Gymnasien in jedem Schuljahr zwei bis drei Stunden Unterricht pro Woche zusätzlich absolvieren. Grund war die Einführung des verkürzten Abiturs: Was bisher in 13 Jahren gelernt wurde, sollte jetzt in zwölf Jahren passieren. Während andere Bundesländer nur den Gymnasiasten die zusätzlichen Stunden verordneten, nahm Berlin alle Schulen mit Ausnahme der Hauptschulen mit ins Turboboot. Dies sollte die Chancengerechtigkeit erhöhen und die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen bewahren helfen.

Dieses Vorgehen ist kostspielig, weil ein Großteil der Real- und Gesamtschüler entweder gar kein Abitur macht oder aber den 13-jährigen Weg anpeilt. Sie erhalten den zusätzlichen Unterricht, ohne dass dies notwendig wäre. Fachleute schätzen, dass dieses ambitionierte Verfahren einige hundert Lehrerstellen zusätzlich kostet, also jährlich etliche Millionen Euro.

Zöllner betont, dass es ihm nicht darum geht, dieses Geld zu sparen, und auch nicht darum, dem drohenden Lehrermangel auf diese Weise ein Schnippchen zu schlagen. Vielmehr wolle er, dass die Familien wieder mehr Freiraum am Nachmittag gewönnen, betont der Senator.

„Die Schüler sollen ohne Stress und ohne eine 36-Stunden-Woche ganz normal Abitur machen können“, ist Zöllners Vorstellung. „Meine Philosophie lautet: Angebote machen für die Unterschiedlichkeit der Menschen.“ Wer in 13 Jahren Abi machen wolle, müsse nicht den gleichen Stundenplan wie die Turboabiturienten absolvieren. In der Praxis kann das schwierig werden, denn die Gesamtschulen müssten zwei verschiedene Stundenpläne anbieten: einen für den zwölf- und einen für den 13-jährigen Weg. Ob das umsetzbar ist, weiß noch niemand.

Der Bundesvorsitzende der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschulen, Lothar Sack, lehnt Zöllners Vorschlag kategorisch ab. Berlin müsse froh sein über die vielen Unterrichtsstunden für alle Schüler und über die hohe Durchlässigkeit zwischen den Schulformen: Da alle Schüler die volle Stundentafel absolvierten, hätten sie bis zur zehnten Klasse die Möglichkeit, das Kurzabitur anzupeilen, lobt Sack. Der langjährige Leiter der Britzer Fritz-Karsen-Gesamtschule warnt davor, dass Kinder bereits in der siebten Klasse „gedemütigt“ würden, wenn sie weniger Unterricht hätten, weil man ihnen den kurzen Weg zum Abitur nicht zutraue.

Zöllner erwartet ganz andere Wirkungen: Die Gesamtschule werde gestärkt, wenn auch jene potenziellen Gymnasiasten zu ihnen kämen, die wegen anspruchsvoller Hobbys lieber mehr Zeit am Nachmittag haben wollten.

Landeselternsprecher André Schindler kann sich für Zöllners Vorschlag dennoch nicht erwärmen: Die Belastung durch das Turboabitur sei in Berlin kaum Thema gewesen, weil es hier viel mehr Ganztagsschulen gebe. Er befürchtet ein „Mischmasch“ an den Gesamtschulen.

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