• Bildungschancen in Berliner Bezirken: Wie soziale Unterschiede die Abiturquote bestimmen

Bildungschancen in Berliner Bezirken : Wie soziale Unterschiede die Abiturquote bestimmen

Wo ist die Abiturquote am höchsten, wo am niedrigsten? Frappierende Zahlen spiegeln die soziale Unterschiede zwischen den Berliner Bezirken.

von
Nicht alle Berliner haben die gleichen Chancen Abitur zu machen.
Nicht alle Berliner haben die gleichen Chancen Abitur zu machen.Foto: Federico Gambarini/dpa

Sage mir, wo du zur Schule gehst, und ich sage dir, welche Zukunftschancen du hast: Wie sehr diese Aussage zutrifft, belegen aktuelle Zahlen zu den Berliner Schulabgängern. Demnach ist die Abiturquote in Steglitz-Zehlendorf doppelt so hoch wie in Neukölln oder Marzahn-Hellersdorf. Entsprechend umgekehrt verhält es sich mit der Quote der Schüler ohne Abschluss – sie ist in Neukölln und Mitte sogar sechs bis sieben Mal höher als in Berlins Südwesten. Dies geht aus der Antwort des Senats auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Heiko Melzer hervor.

Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf wird weit überdurchschnittlich oft die Hochschulreife erworben: Wie in Steglitz-Zehlendorf schafften es hier mehr als zwei Drittel des Jahrgangs 2015/16, mit dem Abiturzeugnis in der Hand die Schule zu verlassen. Bei den Schülern ohne Abschluss hingegen steht – gleich nach Steglitz-Zehlendorf – Pankow am besten da: Nur drei Prozent der Schüler erreichten hier nicht einmal die Berufsbildungsreife – den früheren Hauptschulabschluss.

Bezirk Mitte auf dem letzten Platz

Auffällig ist abermals der Bezirk Mitte: Er ist schon seit Jahren dafür bekannt, extrem viele Schüler ohne Abschluss aus seinen Schulen zu entlassen. Daran hat sich abermals nichts geändert: Die Quote liegt bei 13,4 Prozent und toppt noch Neukölln (12,2); berlinweit sind es sieben Prozent, was 1800 Zehntklässlern entspricht – das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) präsentiert in der Antwort auf Melzers Anfrage nur die „Schulabgänger der allgemeinbildenden Gymnasien und Sekundarschulen“. Hinzu kommen noch 650 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Der Wunsch der Eltern, ihre Kinder in guten Bildungsumfeldern lernen zu lassen, führt dazu, dass in den Bezirken mit hoher Abiturquote viele bezirksfremde Schüler lernen. So kommen im geburtenarmen Steglitz-Zehlendorf über 120 Schulkinder auf 1000 Einwohner, während im geburtenstarken Neukölln nur 90 Kinder auf 1000 Einwohner vom Statistischen Landesamt gezählt werden. Überproportional viele Schüler verzeichnet auch Reinickendorf.

Eltern schicken Kinder in andere Bezirke

Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn- Hellersdorf und Mitte zählen zu den Bezirken mit vielen „flüchtigen“ Schülern: Offenbar sind die Eltern dort nicht von der Qualität ihrer wohnortnahen Schulen überzeugt. In Friedrichshain-Kreuzberg mag diese Tendenz noch dadurch verstärkt worden sein, dass der Bezirk sich der Gründung von freien Schulen widersetzte. Im Ergebnis sind Eltern weggezogen oder schicken ihre Kinder in andere Bezirke, wie die Zahlen des Statistischen Landesamtes belegen.

34 Prozent der Migranten machen Abitur

Melzer wollte auch wissen, wie die Schüler aus Zuwandererfamilien im Vergleich zu denen aus deutschsprachigen Familien abschneiden. Diese Frage wird ihm allerdings nicht beantwortet – stattdessen bekommt der Abgeordnete von Staatssekretär Rackles nur die Gesamtzahlen – Deutsche und Migranten zusammen – sowie die separaten Zahlen zu den Migranten.

Um die Schulabschlussquoten separat für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund ausrechnen zu können, müsste man also erst zum Taschenrechner greifen. Wenn man das nicht tut, erfährt man lediglich, dass unter den Migranten 34 Prozent das Abitur schaffen, während die Gesamtberliner Quote bei 47,4 Prozent liegt. Melzer kritisierte am Dienstag angesichts der fehlenden Quoten für die deutschsprachigen Kinder „mangelnde Transparenz“ und vermutete, dass sich die Bildungsverwaltung „für die Ergebnisse nach 20 Jahren SPD-Ressortverantwortung schämt“.

Grafik: Fabian Bartel

Generell hängen die Bezirkszahlen auch davon ab, welche Migrantengruppe jeweils in der Mehrheit ist. Im Marzahn-Hellersdorf und in Lichtenberg, wo überdurchschnittlich viele Jugendliche vietnamesischer Herkunft, zur Schule gehen, liegt die Abiturquote der Zuwandererkinder fast gleichauf mit der Gesamtzahl für alle Schüler. Hingegen gibt es Bezirke wie Tempelhof-Schöneberg, wo die Abiturquote der Migranten weit zurückbleibt. Dies entspricht den Befunden von internationalen Bildungsstudien, die den Schülern türkischer und arabischer Herkunft – die in den Berliner Innenstadtbezirken dominieren – die schwächsten Lernergebnisse bescheinigen.

Zusammenhang zwischen Abschluss und sozialem Stand

Den Schulabschlussquoten der einzelnen Bezirke entsprechen die sozialen Befunde. Insbesondere eine hohe Arbeitslosenquote geht einher mit den hohen Zahlen von Schülern ohne Abschluss. So leben im Bezirk mit der höchsten Quote der Schüler ohne Abschluss 2500 Familien, die laufende Hilfen zum Lebensunterhalt bekommen, in Neukölln sind es fast 2000. Zum Vergleich: In Treptow-Köpenick sind davon nur 1350 Familien betroffen. An Sozialhilfe erhält Mitte 192 Millionen Euro, Neukölln 180 Millionen Euro, aber Steglitz-Zehlendorf nur 110 Millionen. Insgesamt kommt mehr als jedes dritte Berliner Schulkind - rund 100.000 Schüler - aus Familien, die von Transferleistungen leben. In etlichen Schulen in Neukölln, Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg liegt diese Quote sogar bei über 90 Prozent.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

Autor

61 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben