Berlin : Bildungsexperten wollen Hauptschule abschaffen

Nach Pisa: Fachleute fordern tiefgreifende Reform Böger will mehr Sozialarbeiter einstellen

Claudia Keller,Susanne Vieth-Entus

Berlins Hauptschulpädagogen sind enttäuscht. Von der neuen Pisa-Studie hatten manche sich frischen Wind für eine neue Gesamtschuldebatte erhofft. Stattdessen wollte sich Deutschlands Pisa-Chef Manfred Prenzel gestern nicht auf eine Empfehlung für „eine Schule für alle“ festlegen. Damit schwänden die Hoffnungen, dass ihre ungeliebte „Restschule“ mittelfristig abgeschafft wird, bedauerten Lehrer und Schulleiter, die gestern zu einer GEW-Hauptschultagung zusammengekommen waren.

Auch FU-Präsident Dieter Lenzen zeigte sich verwundert über Prenzels „unnötig konservative“ Reaktion auf Pisa II. Lenzen tritt für die Beschränkung auf zwei Schulformen ein: Gymnasien und Sekundarschulen. Für den Erziehungswissenschaftler steht fest: „Die Hauptschule muss abgeschafft werden.“

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gibt zu, dass sein Reformpaket nicht ausreicht, um die Hauptschulen aus ihrem Dilemma als Restschule zu befreien. „Wir werden den einen oder anderen Akzent zusätzlich setzen müssen“, kündigte sein Sprecher Kenneth Frisse an. Als Beispiel nannte er, dass „so schnell wie möglich der Anteil von Sozialarbeit verstärkt“ werde, um die Lehrer zu entlasten. Die Einstellung von entsprechendem Personal solle keinesfalls auf Kosten von Lehrerstellen gehen, betonte Frisse.

Ansonsten sieht sich Böger mit dem Schulgesetz und dem neuen Bildungsprogramm für die Kitas auf dem richtigen Weg. „Pisa II bestätigt uns“, meint Frisse.

„Die Richtung stimmt“, sagt auch Lenzen, „aber einzelne Reformen reichen nicht aus.“ Nötig sei eine „revolutionäre Veränderung“. Dazu gehöre, dass das Vorschulpersonal eine akademische Ausbildung erhalte, um die Kinder besser auf die Schule vorbereiten zu können. Zudem fordert Lenzen eine „nachhaltige“ Finanzierung der Ganztagsschulen und eine Verstärkung der Leseförderung. Andernfalls werde es nicht gelingen, den immens hohen Anteil von nicht ausbildungsfähigen Schulabgängern zu reduzieren.

Hierauf weist auch GEW-Chef Ulrich Thöne hin. „Erschreckend ist, dass sich auf der untersten Ebene nichts bewegt hat, dass nach wie vor 20 Prozent aller Berliner Schüler keine Chance auf eine Ausbildung haben“, sagte Thöne. Man lasse eine ganze Generation „vor die Wand laufen“. Solange die Schulen ihre schlechten Schüler weiter in die Hauptschulen abschieben können, werde sich daran nichts ändern. Um die Strukturdebatte werde man nicht herumkommen. Landeselternsprecher André Schindler ist derselben Meinung. Die Selektion nach der Grundschule sei falsch. Auch der grüne Bildungsexperte Özcan Mutlu sieht in Pisa II einen Anlass für eine „tiefgreifende Schulreform hin zu einer gemeinsamen Schule für alle“.

Alle Beteiligten sehen das Sprachproblem bei Migrantenkindern als allerdringendstes Problem, das mit voller Kraft bewältigt werden müsse. Am Leseverständnis werde sich nur etwas ändern, wenn man mehr Personal einsetzt und die Klassen verkleinert, meint Thöne. Schindler fordert, dass das Sprachprogramm konsequent von den Grundschulen in die Kitas vorverlegt wird: „Es kann nicht sein, dass wir Schüler in die erste Klasse schicken, die dem Unterricht nicht folgen können.“

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