Berlin : Bildungspolitik: Bei hohem Ausländeranteil werden die Klassen kleiner

Susanne Vieth-Entus

Die rot-grünen Bildungspolitiker haben sich geeinigt: Ab September sollen Schulen mit einem Ausländeranteil über 40 Prozent kleinere Klassen einrichten können. Seit langem wurde dies parteiübergreifend gefordert, konnte aber gestern erst auf Druck der Bündnisgrünen für den Nachtragshaushalt durchgesetzt werden. Zugute kommt die Regelung 340 Grund- und Oberschulen in sozial benachteiligten Gebieten.

Bisher sitzen in Grundschulklassen durchschnittlich 23 und an Oberschulen (ohne Hauptschulen) 28, mitunter sogar mehr als 30 Kinder. Zunächst werden nur die ersten und siebten Klassen um zwei Schüler verkleinert. Dies kostet 30 Lehrerstellen. Damit die Regelung in allen Klassen greift, werden rund 160 Stellen benötigt. Die SPD-Haushälter wollten dies aus der Reserve für dauerkranke Lehrer finanzieren. Jetzt gibt es die Stellen zusätzlich.

"Wir hätten die Stellen auch beantragt, wenn wir es für durchsetzbar gehalten hätten", kommentiert CDU-Schulpolitiker Stefan Schlede den Beschluss. Aber angesichts der Finanzlage habe das die große Koalition nicht in Angriff genommen. Jetzt fragt er sich, "woher die Mittel kommen" und verweist auf den Wahlkampf.

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Berlin vor der Wahl Die bewilligten Stellen sind bereits der dritte Erfolg für die Schulen innerhalb der vergangenen Wochen. Zuvor waren bereits 60 zusätzliche Stellen für die Behindertenintegration und rund 50 Stellen für die Halbtagsbetreuung in Grundschulen bewilligt worden. Eine Besserstellung von Klassen mit hoher Ausländerrate wird seit langem gefordert. Ausgangspunkt ist die anhaltend hohe Quote von Schulabgängern ohne Abschluss unter den Kindern "nichtdeutscher Herkunftssprache". Der zusätzliche Deutschunterricht reicht nicht aus, um Chancengleichheit herzustellen. Zudem waren die Lernbedingungen in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert worden, etwa 1996, als immer größere Klassen eingerichtet wurden und auch durch den dauernden Lehrermangel.

Trotz der 1 300 Einstellungen, die Schulsenator Klaus Böger (SPD) im laufenden Schuljahr durchsetzte, haben noch immer nicht alle Schulen eine Vertretungsreserve. An der Kreuzberger E.-O.-Plauen-Schule etwa, wo kaum noch deutsche Kinder landen, muss man ohne diese Reserve auskommen. Umso mehr freut sich die Schule über die Aussicht auf kleinere Klassen. Die Neuerung werde als Signal verstanden, dass Bildung einen höheren Stellenwert bekomme, sagte die stellvertretende Schulleiterin Rosemarie Blankenburg.

Die Bündnisgrünen betonen, dass die jüngsten Erfolge noch nicht ausreichen. Ihr schulpolitischer Sprecher Özcan Mutlu fordert zudem einen Einstellungskorridor für mehrsprachiges Personal, das in den Schulen eine "Brückenfunktion" übernehmen soll. Zudem soll die Elternarbeit ausgebaut werden, wozu auch die Deutschkurse für türkische Mütter gehören. Um so genannten Problemschulen zu helfen, sollen Nachbarschaftsinitiativen und freie Träger der Jugendhilfe einbezogen werden.

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