Bildungsprojekt in Berlin : Jüdisches Museum besucht Jugendliche im Knast

Das Jüdische Museum geht auf Tour, nicht nur in Schulen, sondern auch in die Jugendstrafanstalt. Und trifft dort auf arabische Vorurteile.

Veronique Rüssau
Alltagsgegenstände aus dem jüdischen Leben im Knast.
Alltagsgegenstände aus dem jüdischen Leben im Knast.Foto: Jüdisches Museum/Svea Pietschmann

Wieder schließt sich eine Stahltür. Und wieder dreht sich der Schlüssel im Schloss. Ein halbes Dutzend verschlossene Türen, ohne einen Schlüssel dafür: Für die 308 Insassen der Jugendstrafanstalt Plötzensee ist das Normalität. Diese Routine haben in der vergangenen Woche ungewöhnliche Gäste durchbrochen: Nach dem Motto „Wenn ihr nicht zu uns kommen könnt, kommen wir zu euch“, besuchten Mitarbeiter des Jüdischen Museums mit der mobilen Ausstellung „on.tour“ die Schule der JSA.

„Viele Insassen stammen aus dem arabischen Raum, einige haben Vorbehalte gegenüber Israel“, sagt Janina Deininger, Sprecherin der Jugendstrafanstalt Berlin. Viele seien eher bildungsfern. Durch Aufklärung sollen Gemeinsamkeiten entdeckt und Vorurteile abgebaut werden.

Mitarbeiter des Jüdischen Museums besuchen Jugendliche im Knast

Die Gänge zum Schultrakt sind zu beiden Seiten mit verschossenen Türen gesäumt. Zu unterscheiden sind diese nur durch die roten Nummern darüber. In Raum 140 treffen Samuel Schidem und Jan Beckmann auf fünf verurteilte Jugendstraftäter. Der jüdische Museumspädagoge und der christliche Historiker wollen mit den Jungs über das Judentum sprechen. „Für viele ist das Judentum Geschichte, ein Ausstellungsstück“, sagt Schidem. Raum 140, wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Klassenzimmer, grüne Kreidetafel, im hinteren Bereich Computerplätze – bis auf die weißen Gitter vor den Fenstern. Die fünf Häftlinge sitzen mit Beckmann und Schidem an einem Tisch, alle sind gleich per Du. Vier der Jungs bezeichnen sich als Muslime, einer als Christ. Auf dem Tisch liegt ein Schulordner, „Fick denn Richter, nur Gott kann mich Richten“, steht darauf.

Samuel Schidem erzählt von Abraham, von Geschichten, die in Bibel und Koran unterschiedlich erzählt werden. Er spricht arabisch, kennt sich im Koran bestens aus – das kommt bei den Insassen gut an. „Stimmt es eigentlich, dass Moses das Meer geteilt hat?“, fragt einer. Und: „Warum nennt man die Juden ,Das auserwählte Volk’?“ Schidem beantwortet geduldig und stellt selbst Fragen. „War Jesus eigentlich beschnitten?“ Antwort: „Boa, da will ich gar nicht drüber nachdenken, ob jemand beschnitten ist oder nicht!“ Aber da ist wieder eine dieser religiösen Gemeinsamkeiten – und es bleibt nicht die Einzige. „Ach so, Juden essen auch kein Schwein?“ Verdutzte Gesichter.

Muslimische Häftlinge lernen den jüdischen Alltag kennen

Und immer wieder werden die Jungs persönlich. Sprechen darüber, wie furchtbar das Essen in der Anstalt ist, wie sie mit 35 Euro zwei Wochen lang auskommen müssen und über das, was danach kommt. „Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich rauskomme“, sagt ein junger Iraker, der schon zum zweiten Mal einsitzt. „Vielleicht sterbe ich, vielleicht lande ich wieder im Knast. Vielleicht werde ich glücklich und heirate.“ 14 Monate liegen noch vor ihm. An einem Ort, an dem selbst die Toiletten verschlossen sind. Die Vollzugsbeamtin öffnet sie nur für jeweils eine Person, schließt sie danach sofort wieder ab. „Sonst rauchen die da drin“, sagt sie. „Aber offene Toiletten – das ist doch ein Grundrecht“, sagt Samuel Schidem. „Einige Grundrechte sind in der Haft eingeschränkt“, erklärt die Beamtin.

Zum Abschluss zeigen die Museumsmitarbeiter noch einige Exponate. Alltagsgegenstände aus dem jüdischen Leben, wie koschere Gummibärchen, eine Kippa und eine Minora, haben sie in roten Kisten mitgebracht und erklären den Häftlingen, wozu sie gebraucht werden. Bevor Schidem beginnen kann, geht einer der Häftlinge freiwillig. Weshalb, weiß niemand. „Das bedeutet wahrscheinlich zwei Tage Einschluss“, sagt ein Mitinsasse. Wer Arbeit oder Schule verweigere, müsse am Wochenende in der Zelle bleiben.

Auch Samuel Schidem wird dieses Erlebnis so schnell nicht vergessen. „Ich denke, ich brauche erst mal eine Woche, das hier sacken zu lassen“, sagt er. Schidem war mit „on.tour“ schon an vielen Schulen, im Gefängnis aber war er noch nie. „Das war sehr intensiv“, sagt er.

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