Bildungsreise : Kräuterkunde mit der Kanzlerin

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht auf ihrer Bildungsreise Besuch im Kreuzberger Bildungswerk. Dort schäkert sie mit den Auszubildenden, lächelt in Kameras und wirkt manchmal etwas verloren.

Philipp Hauner
Merkel
Angela Merkel in der Metallwerkstatt -Foto: ddp

BerlinDie Bundeskanzlerin spielt das Frage- und-Antwort-Spiel. Ihr Besuch im Bildungswerk Kreuzberg führt als erstes in die Kantine, genauer gesagt in die Ausbildungsküche. Dort greift sie sich einen Salbeizweig und fragt mit prüfendem Blick einen Auszubildenden, was für ein Kraut das denn sei. „Salbei“ -„Richtig.“ Mit Thymian ist es das gleiche Spiel. Als sie einem angehenden Koch einen Rosmarinzweig unter die Nase hält, ist der so aufgeregt, dass er kein Wort rausbringt. Lavendel sei das, antwortet Merkel und blickt sogleich in erstaunte Gesichter. Wirklich? „Rosmarin ist das“, korrigiert ein beherzter Azubi die Kanzlerin nach Sekunden des Wartens. Erleichtertes Lachen in der Küche.

Seit Mitte August reist Merkel in Sachen Bildung durch die Bundesrepublik. Bis Anfang Oktober besucht die Kanzlerin insgesamt zwölf Einrichtungen in zehn Bundesländern, um sich einen Überblick über die Lage des deutschen Bildungswesens zu verschaffen. Das Bildungswerk ist die achte Station der Kanzlerin.

Merkel und ihr Tross ziehen weiter in die Schneiderei-Abteilung. Es ist eine merkwürdige Szene: In ihrem violetten Kostüm steht die Bundeskanzlerin in einem eher dunklen Bereich der Schneiderwerkstatt, der durch eine Trennwand vom großen Saal mit den Nähmaschinen separiert ist. Sie ist sichtlich bemüht um einen kurzen Smalltalk. Doch die junge Frau mit der pinken Punkfrisur und den Leopardenleggins ist gar nicht in Redelaune.

"Auf jeden Fall wird’s immer was zu ändern geben"

Nur mürrisch antwortet die angehende Änderungsschneiderin auf Merkels Fragen, ohne ihr dabei ins Gesicht zu blicken oder den rechten Stöpsel ihres MP3-Players aus dem Ohr zu nehmen. Schließlich gibt die Kanzlerin ziemlich verdutzt auf und wünscht viel Glück im zukünftigen Job. Sie verabschiedete sich mit dem nicht ganz eindeutigen Satz: „Auf jeden Fall wird’s immer was zu ändern geben, bei den Leuten.“

Was Merkel nicht wusste: Kurz vor ihrer Ankunft in der Schneiderei wurde die Auszubildende von ihrer Ausbilderin versetzt. Von dem representativen Zuschneidetisch im Eingangsbereich kam sie in eine Ecke, die man leicht übersieht. Zwei Tage zuvor hatte sie sich im Tagesspiegel kritisch über die Ausbildungssituation geäußert. Nach dem eher wortkargen Gespräch mit der Bundeskanzlerin wurde sie von ihrer Ausbilderin gelobt.

Eine weitere Überraschung erlebte Merkel am Ende ihrer Besichtigung. Doch vorerst bekommt sie in der Floristik-Abteilung der Kreuzberger Ausbildungsstätte von der 20-jährigen Hülya Aksaç einen Blumenstrauß aus Rosen, Löwenmaul und Hortensien überreicht. Er sei keine Spezialanfertigung, wie diese lachend zugibt: „Ich habe ihn wie immer gebunden.“ Doch das hört Merkel gar nicht mehr.

"Sie sehen ja aus wie aus der Werbung"

Sie sitzt bereits mitsamt ihrer Entourage in einem geräumigen Unterrichtsraum für angehende Bankkaufleute und will wissen, wo der Schuh drückt. Es ist kein Schüler, sondern Nihat Sorgeç, der Leiter des Bildungswerks, der ihr antwortet. Er findet es bedauerlich, dass  Abgänger mit türkischem Namen trotz guter Noten noch immer Schwierigkeiten hätten, einen Arbeitsplatz bei einer deutschen Bank zu finden. „Das ist die konservativste Branche“ sagt er.
 
Daraufhin murmelt Merkel etwas zu der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer, die die Bundeskanzlerin zusammen mit der Bildungsministerin Annette Schavan und dem regierenden Bürgermeister Berlins Klaus Wowereit hierher begleitet hat. Es hat sich so angehört, als solle die sich doch einmal der Angelegenheit annehmen.

Dann bedeuten Merkels Berater ihr mit einem Nicken aufzubrechen, die Agenda ist eng gesteckt. „Aber es ist so schön hier“, protestiert sie und erkundigt sich noch bei den angehenden Bankern, ob sie jeden Tag so schick angezogen sind: „Sie sehen ja aus, wie aus der H&M-Werbung“, sagt Merkel und eine Auszubildende antwortet forsch: „Naja, jeden zweiten!“

Abzug aus dem Wrangelkiez
 
Nach dem Geschäker steht ein Gespräch  mit ehemaligen Schülern des Bildungswerks und Unternehmern aus Einwandererfamilien auf dem Programm. Dann verlässt Angela Merkel nach einem anderthalbstündigem Rundgang das Gebäude so wie sie gekommen ist - durch die Kantine. Zwischen den farbenfrohen Plakaten hindurch, die „Kompetenz fördern, Horizonte öffnen“ verkünden, an den violett blühenden Zier-Artischocken vorbei - es ist das gleiche Violett von Merkels Jackett - schreitet sie hinaus in den Hof.
 
Dort stehen schon seit 20 Minuten Auszubildende für das große Abschlussfoto bereit. Sie lobt das Bildungswerk als „sehr beeindruckendes“ Beispiel dafür, wie „der Übergang von der Schule ins Berufsleben“ gelingen könne. Eilig tritt der Tross den Abzug aus dem Wrangelkiez an, vielleicht auch, weil ein Drehorgelmann aus dem Nachbargrundstück Spottparolen über den Hof schmettert.

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