Berlin : Bildungssenator verteidigt die Hauptschule

FU-Präsident fordert ihre Abschaffung. Finanzsenator hält Unterricht in Berlin für nicht effektiv genug

Daniela Martens,Sigrid Kneist

Trotz der zum Teil schlechten Ergebnisse hält FU–Präsident Dieter Lenzen es für richtig, dass Schulsenator Klaus Böger (SPD) den mittleren Schulabschluss eingeführt hat. „Erst damit erhalten wir die notwendige Transparenz, um etwas zu ändern“, sagte Lenzen. Das „problematische Abschneiden“ der Hauptschulen, in denen nur 42 Prozent der Schüler die Prüfung bestanden haben, zeige, dass es an der Zeit sei, „sich in Berlin von der Hauptschule zu verabschieden“. Quer durch alle Schulformen lag die Erfolgsquote bei 82 Prozent. Die Hauptschule sei eine Restschule für weniger als zehn Prozent aller Schüler. Der Erziehungswissenschaftler Lenzen plädiert für ein zweigliedriges Schulsystem mit Gymnasium und einer Sekundarschule, in der die anderen Schulformen verbunden sind.

Als zweites Problem sieht Lenzen die Schwierigkeiten beim Leseverständnis. Dies betreffe nicht nur Migrantenkinder. Die vorgezogene Einschulung sei richtig, aber nicht ausreichend. Sinnvoller sei es, Kinder bereits ab vier Jahren in einer Vorschule zu unterrichten. Für dieses Vorhaben fehle zwar das Personal, aber es könne ein Einsatzfeld für Lehrer mit der dreijährigen Bachelor-Ausbildung sein. Lenzen warnte aber vor zu schnellen Erwartungen. Die Erfolge der Reformen seien erst in rund zehn Jahren sichtbar.

Darauf verwies auch Kenneth Frisse, Sprecher von Bildungssenator Böger. Der Jahrgang, der jetzt den Abschluss gemacht hat, habe noch nicht von den Reformen profitieren können, die seit dem Pisa-Schock eingeleitet worden seien. Zum Problemfall Hauptschule sagte Frisse, die Abschaffung stehe nicht zur Debatte. Vielmehr setze Böger darauf, die Hauptschulen zu stärken. Laut Frisse hat Berlin bundesweit das beste zahlenmäßige Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern. Während in Berlin ein Lehrer auf 9,2 Hauptschüler komme, liege das Verhältnis etwa in Hamburg bei eins zu 13,8 .

Auf die gute Ausstattung der Berliner Schulen mit Lehrern nimmt auch Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) Bezug. Seiner Auffassung nach liegt das Hauptproblem in den Schulen selber: „Die Pisa-Forscher haben es klar benannt: Die Schüler in Berlin sind auch nicht problematischer als woanders.“ Aber der Unterricht hier ist laut Thilo Sarrazin nicht so effektiv wie „ein schlichter, aber solider und leistungsorientierter Unterricht wie in Bayern“.

Das schlechte Abschneiden der Hauptschule liege nicht an ihren Strukturen, sagte Mieke Senftleben. Für die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion ist das Versagen der Schüler mit Migrationshintergrund der eigentliche „Skandal“: „Der Deutsch-Unterricht muss auf den Prüfstand.“ Besonders in der Sekundarstufe I gebe es offensichtlich Mängel bei Deutsch als Zweitsprache (DaZ).

Ohne mittleren Abschluss hätten Hauptschulabsolventen kaum Perspektiven, sagte Holger Lunau von der Industrie- und Handelskammer Berlin. „Das ist, als hätten sie gar keinen Abschluss.“ Es könne nicht „im Sinne des Erfinders sein, dass Hauptschulen nur noch als Aufbewahrungsstätte für Migrantenkinder dienen, die kaum Deutsch sprechen.“ Das Ergebnis der Hauptschulen bestätige die Beobachtung der IHK, dass 45 Prozent ihrer Abgänger nicht ausbildungsfähig seien. „Wenn man es bösartig ausdrücken möchte, ist die Hauptschule eine Art Sonderschule“, sagte Lunau. Die Hauptschule müsse aufgewertet werden: „Das Schulsystem sollte nur noch Kinder aufnehmen, die Deutsch sprechen.“ Der Kita-Besuch müsse Pflicht werden. Trotzdem glaubt Lunau, dass die Berliner Schulpolitik auf dem richtigen Weg ist.

Bis es so weit ist, versucht die IHK mit einem Projekt zur Einstiegsqualifaktion zu helfen. Bislang richtete es sich an Schüler ohne Hauptschulabschluss. 1000 Plätze gibt es dort, 200 sind noch frei – vielleicht ist es eine Chance für die Hauptschulabgänger ohne mittleren Abschluss.

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