Bildungsstudie : Berliner Schulen versagen bei Problemkindern

Eine neue Untersuchung über Intensivtäter zeigt: Obwohl sie in der Schule früh auffällig wurden, blieb Hilfe aus. Der Verfasser der Studie, ein Kriminologe, kritisiert die beteiligten Lehrer an einigen Stellen recht unverblümt.

Susanne Vieth-Entus

Auf gravierende Mängel bei der Förderung schwieriger und verhaltensauffälliger Kinder weist die neueste Studie der Landeskommission gegen Gewalt hin. Anhand der Schullaufbahnen von 24 Intensivtätern wird deutlich, dass Lehrer und Sozialarbeiter zwar einiges unternommen haben, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Der Erfolg blieb jedoch aus. Innen-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) schließt daraus, dass sich in den Schulen noch vieles ändern muss.

Der Studie liegen Interviews mit 27 inhaftierten Intensivtätern sowie Schulakten zugrunde. Ausgewertet wurden sie von Claudius Ohder von der Fachhochschule für Verwaltungs- und Rechtspflege. Ohder hat nicht nur herausgefunden, dass die späteren Räuber und Schläger vielfach schon mit fünf oder sechs Jahren gewalttätig waren. Er hat auch ermittelt, dass eine Unmenge von „Maßnahmen“ erfolgten, die aber kaum wirkten.

Der Kriminologe Ohder ist bei seinen Recherchen tief in das Berliner Schulsystems vorgedrungen. So fand er heraus, dass fast alle Intensivtäter durch schlechte Deutschkenntnisse benachteiligt waren, obwohl sie jahrelang am Unterricht „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) teilgenommen hatten. Ohder schließt daraus, dass der tatsächliche Förderbedarf „deutlich größer“ war als das, was letztlich bei dem Kind ankam.

Seine Kritik an den beteiligten Lehrern ist an einigen Stellen recht unverblümt. So schreibt Ohder, dass es „kaum noch vertretbar erscheint“, wie die Schulen mit dem Umstand umgingen, dass sie zu wenig Ressourcen hatten. Besonders kritisiert er einen Fall, in dem die Lehrer zwar bei einem der späteren Intensivtäter einen erhöhten „Förderbedarf“ festgestellt hatten. Er wurde aber mit dem Argument verwehrt, dass der Junge nicht gut mitarbeite, weshalb die knappen Ressourcen auf die Mitschüler verteilt würden.

Damit aber nicht genug. Ohder wirft den Schulen auch vor, dass sie die Jugendämtern nicht nachdrücklich genug warnten, wenn in den Elternhäusern etwas schief lief. Wenn Kinder hungrig und mit zerrissener Kleidung im Unterricht erschienen, reiche es eben nicht, die Jugendämter nur einmal zu informieren und die Dinge dann laufen zu lassen. Ohder und Härtel appellieren an die Schulen, stärker den Kontakt mit den Eltern zu suchen.

Die Befunde sind besonders interessant vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über Mängel des neuen Schulgesetzes. Es hatte dazu geführt, dass Vorklassen und kleine Lerngruppen für Problemkinder verschwanden, während das Einschulungsalter vorverlegt wurde. In der Folge landen verhaltensauffällige Kinder immer häufiger in der Psychiatrie (wir berichteten).

Die Untersuchung Ohders liefert nun beiden Seiten Argumente: Einerseits gibt es etliche Intensivtäter, die Vorklassen besuchten und auch andere Hilfen bekamen, ohne dass dies die Negativentwicklung aufhalten konnte. Andererseits können die Gegner des Schulgesetzes argumentieren, dass die Zahl der Intensivtäter heute noch größer wäre, wenn es schon damals so wenig Sozialpädagogen und Förderklassen gegeben hätte wie heute. Unbestritten von allen Seiten ist einzig der Befund, dass die Zusammenarbeit von Schul- und Jugendämter besser werden muss.

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