Berlin : Billig-Patienten: Standpauke und "rote Ohren" für BKK-Mitglieder

Amory Burchard

Ein 35-jähriger Mann reicht beim Augenarzt seine Chipkarte über den Tresen. "Was, schon wieder? Gestern war erst Ihr Sohn da. Sie sind bei einer Billigkasse!", fährt ihn der Sprechstundenhelfer an. Wenn es nach ihm ginge, solle der Mann "fünf Stunden warten". Einer 53-jährigen Frau sagt der Hautarzt die Meinung: Als Patientin einer "Billigkasse" zahle sie wenig Beitrag, erwarte aber volle Leistung. Sie müsse damit rechnen, dass ihr hochwertige Medikamente verweigert würden. Ausblicke in die Zukunft der Zwei-Klassen-Medizin? Nein. Diese Szenen haben sich kürzlich in Berliner Praxen abgespielt, sagt Andrea Galle, Vorstandsvorsitzende der Betriebskrankenkasse Verkehrsbau-Union (BKK VBU).

"Patientenrechte werden mit Füßen getreten", klagt Galle. Das Vertrauensverhältnis sei gestört, wenn der Arzt den Patienten wegen seiner Mitgliedschaft in der Berliner Kasse mit den niedrigsten Beiträgen zurechtweisen würde. Die BBK-VBU-Mitglieder zahlen nur 11,9 Prozent vom Bruttogehalt - bei der AOK sind es 14,9 und bei der DAK 13,8 Prozent. Dafür aber spart die Billig-Kasse bei der Bezahlung der Ärzte. In den Honorartopf, den die Kassenärztliche Vereinigung (KV) an die Ärzte ausschüttet, gibt die sparsame Betriebskrankenkasse pro BKK-VBU-Mitglied nur 460 Mark im Jahr. Andere Krankenkassen zahlen doppelt so viel.

Die Billigkasse begründet die niedrige "Kopfpauschale" mit der Alterstruktur ihrer Mitglieder. BKK VBU-Patienten seien im Schnitt jünger und gesünder und hätten weniger mitversicherte Angehörige - und nähmen folglich weniger Leistungen in Anspruch. Außerdem kann Kassenchefin Galle darauf verweisen, dass die 1993 als Pflichtkasse der Verkehrsbau Union gegründete BKK ihren Beitragssatz gegenüber 1996 (10 Prozent) bereits um 1,9 Prozent erhöht hat - und damit auch die Zahlung an die Kassenärztliche Vereinigung.

Die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung, Annette Kurth, kann verstehen, dass "Ärzte ihre Patienten informieren, was es bedeutet, in eine Billigkasse zu gehen." Durch die geringere Zahlung pro Patient werde "das Honorarvolumen für die Ärzte insgesamt verringert." Patientenschelte, oder gar Leistungsverweigerung dürfe aber selbstverständlich nicht vorkommen. KV-Sprecherin Kurth erkennt auch an, dass die Kopfpauschale der BKK VBU innnerhalb eines Jahres von 300 auf 460 Mark angehoben wurde.

Die Betriebskrankenkasse der Verkehrs-Union hat in diesem Jahr bereits 30 Fälle einer schikanösen Behandlung bei der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung gemeldet. Die Vorfälle würden gegenwärtig geprüft. Leistungseinschränkungen konnten die Patienten jedoch nur vermuten, aber in keinem Fall belegen, sagt VBU-Kassenchefin Galle.

Detlef Bartel, ein Schöneberger Neurologe, spricht vom gestörten Arzt-Patienten-Verhältnis: "Das Vertrauensverhältnis ist dadurch gestört, dass die Honorarzahlung so niedrig ist." Trotzdem überlege er sich die "Ermahnung" von Billigkassen-Mitgliedern gut. "Bei schwer Depressiven oder bei ganz armen Schluckern sage ich nichts", betont Bartel. Ärgerlich findet er Gutverdienende, die beispielsweise von der Barmer Ersatzkasse (gut 1000 Mark Jahrespauschale) zur BKK VBU wechseln: "Da fehlen dann 600 Mark im Topf."

Der Kassenwechsel auch zu den früheren Pflichtkassen wie AOK, IKK oder BKK ist seit der Freigabe der Kassenwahl 1996 möglich. Die BKK VBU hatte davor 1200 Mitglieder, die Beschäftigten der Verkehrsbau-Union. Heute hat die Kasse mit dem günstigen Tarif 157 000 Mitglieder. Darunter seien aber weiterhin VBU-Beschäftigte und auch Mitarbeiter mittelständischer Betriebe, die geschlossen beigetreten seien, sagt die Vorsitzende. Diese Mitglieder würden mit dem Übertritt in eine andere Kasse auch ihren Arbeitgeber erheblich belasten.

Die "Aufklärungskampagne" der Ärzte zeitigt unterdessen erste Erfolge. Einigen sei es "schon peinlich", mit der Chipkarte der "Billigkasse" zu kommen, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes praktischer Ärzte, Angelika Prehn. Der einwöchige Ärztestreik und die Infoblätter über den "völlig verzerrten Wettbewerb" hätten bei den Patienten "viel gebracht". "Sie sehen ein, dass wir nicht umsonst arbeiten können", sagt Prehn. Mitglieder der BKK VBU haben das anders erlebt: Ihnen sei im Wartezimmer vor anderen Patienten das "Infoblatt" aufgedrängt worden. Nach der Standpauke gingen die Kranken mit roten Ohren. Sie suchten lieber eine andere Praxis auf.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar