Berlin : Billige Kasse – Patient zweiter Klasse?

Große Unterschiede bei den Zahlungen für die Versicherten: Kassenärztliche Vereinigung fürchtet Nachteile für manche Kranken

Ingo Bach

In Berlin droht eine Diskussion um so genannte Billigkrankenkassen aufzuflammen, die dazu führen könnte, dass mancher Versicherte dieser Kassen bei seinem Hausarzt schief angesehen wird. Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat eine Übersicht aller in Berlin vertretenen Krankenkassen erstellt mit der Angabe, wie viel diese für die Behandlung ihrer Versicherten als so genannte Kopfpauschale (siehe Kasten) pro Jahr überweisen. Die KV hält die Liste unter Verschluss, weil man fürchtet, Ärzte könnten sich zu Protesten auf dem Rücken ihrer Patienten hinreißen lassen.

Die Liste, die dem Tagesspiegel vorliegt, zeigt große Unterschiede bei den Kopfpauschalen. Während besonders Ersatzkassen wie Barmer, Techniker- oder Angestelltenkrankenkasse um die 500 Euro pro Jahr zahlen, überweisen zum Beispiel einige Betriebskrankenkassen (BKK) weniger als die Hälfte davon.

Wie kommen diese Unterschiede zu Stande? „Die Kopfpauschale basiert auf dem, was die Versicherten einer Kasse tatsächlich in Anspruch nehmen“, sagt Thomas Mohaupt, Geschäftsführer der BKK der Verkehrsbauunion (VBU). „Unsere Versicherten gehen seltener zum Arzt. Wir haben eine sehr junge Klientel mit einem Rentneranteil von unter zehn Prozent.“ Andere Kassen hätten 60 Prozent und mehr Rentner. Doch auch Kassen mit ähnlich günstiger Versichertenstruktur wie die BKK VBU, so zum Beispiel die Technikerkrankenkasse, zahlen mit 485 Euro wesentlich mehr.

Im Übrigen spüre der einzelne Doktor nichts von den unterschiedlich hohen Kopfpauschalen, sagt Mohaupt. Denn diese flössen direkt in den Honorartopf der KV, die das Geld dann an die Ärzte für die erbrachten Leistungen verteile.

Die KV widerspricht. „Natürlich merkt das der Arzt – indirekt“, sagt der Berliner KV-Vize Burkhard Bratzke. Denn je mehr Versicherte in die Kassen mit geringer Kopfpauschale wechselten, desto geringer seien auch die KV-Gesamteinnahmen. „Seit 1995 ist durch den Mitgliederzuwachs bei den Billigkassen der Honorartopf für die Berliner Kassenärzte um einen zweistelligen Millionenbetrag geschrumpft“, sagt Bratzke. Vor zehn Jahren hatte die KV noch rund eine Milliarde Mark (510 Millionen Euro) zu verteilen – heute seien es noch knapp 470 Millionen Euro. Macht rechnerisch rund 60 000 Euro Umsatz pro niedergelassenen Arzt und Psychotherapeuten in Berlin.

In Hamburg hatte die Veröffentlichung einer Liste mit den Kopfpauschalen vor zwei Jahren zu massiven Protesten der dortigen Ärzte geführt. So klagten Versicherte von Betriebskrankenkassen, sie hätten sich abfällige Bemerkungen in Arztpraxen anhören müssen oder hätten zum Ende eines Quartals keine Termine mehr bekommen.

Drohen nun derartige Reaktionen auch in Berlin? „Natürlich ist das Risiko für Versicherte einer Kasse, die eine sehr niedrige Kopfpauschale zahlt, höher, dass am Ende des Quartals das Behandlungsbudget aufgebraucht ist“, heißt es von einer Berliner Kasse, die eine hohe Pauschale zahlt. Trotzdem: „Wir als KV können es nicht zulassen, dass Kollegen Patienten diskriminieren, weil sie einer bestimmten Kasse angehören“, sagt KV-Vize Bratzke. „So sehr wir verstehen, dass Ärzte über niedrige Kopfpauschalen verärgert sind.“

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