Berlin : Bimmeln, tönen, läuten

Michael Metzler ist Glockengießer und Musiker. Im Advent ist in seinem Laden in Mitte viel los Sonst kommen Yogalehrer, Pfarrer, Kapitäne, Verliebte und – Regisseur Roland Emmerich

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Bimbam. Michael Metzler kann nicht nur Glocken gießen, sondern auch mittelalterliche Instrumente spielen. So wie im neuen Film von Roland Emmerich. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Bimbam. Michael Metzler kann nicht nur Glocken gießen, sondern auch mittelalterliche Instrumente spielen. So wie im neuen Film von...

Bei den ersten Gießversuchen über dem Steinkohlefeuer hat erst gar nichts geklappt. Am Ende klangen die Glocken aus Bronzelegierung stets viel zu hoch oder zu tief und nie so, wie Michael Metzler es wollte. „Es dauerte seine Zeit, hinter die Geheimnisse der Technik zu kommen“, sagt der 40-Jährige. Zehn Jahre ist es her, dass der studierte Musiker aus einer Leipziger Gießereifamilie auf diese Art das erste mittelalterliche Glockenspiel für ein Musikprojekt goss und damit zur Familientradition zurückkehrte. Heute betreibt Metzler einen Glockenladen in Mitte und seine Glocken werden immer noch im gleichen umgebauten Hühnerstall von Freunden in der Slowakei gegossen. Mittlerweile allerdings in einem ganz modernen Schmelzofen mit Digitalanzeige.

Die ersten Glocken hatten die Form von Bienenkörben, ganz schlicht und fast halbrund. Und obwohl sie so modern aussieht, stammt die romanische Form aus dem 12. Jahrhundert. Metzlers Großvater, der gerade 98 geworden ist und einst eine Lehre in der alten Kunst- und Glockengießerei von Lauchhammer gemacht hat, hat die sehr warm und harmonisch klingende Form für seinen Enkel nach alten Vorbildern entworfen. Es sind gestimmte Glocken, wie Metzler sie heute noch in der Gipsstraße verkauft und nach Kundenwunsch mittels Sandstrahltechnik auch mit Familienwappen oder Taufsprüchen verziert.

Zurzeit suchen in dem kleinen Geschäft, das voller Glocken, Trommeln, Flöten und manch geheimnisvoll aussehender Instrumente ist, viele Kunden eine Glocke zu Weihnachten. Entweder eine einfache ungestimmte, die es je nach Durchmesser zum Preis von 15 bis 60 Euro gibt oder eine gestimmte in Bienenkorbform, die wegen des aufwendigen Schleifprozesses um das Drei- bis Vierfache teurer ist. „Zu mir kommen Kunden mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen – vom Yogalehrer bis zum Schiffsbesitzer“, sagt Metzler. Sogar Regisseur Roland Emmerich war schon da, weil er für seinen neuen Film „Anonymous“ mittelalterliche Instrumente suchte, die Metzler nun sogar im Film spielen wird. Manchmal erfährt er aber auch gar nicht, wofür jemand eine Glocke braucht. So fuhr mal gegen Mitternacht, als Metzler noch im Laden arbeitete, ein Mann im Taxi vor, stürmte hinein zu den gestimmten Glocken und rief: „Ich brauche sofort ein Fis!“ Metzler kann nur vermuten, dass es ein Geburtstagsgeschenk auf die letzte Minute für jemanden war, dessen Name mit „Fi“ anfängt – Fiona vielleicht?

Das Glockengießen beschert Metzler nicht bloß spannende Kunden, sondern auch ungewöhnliche Aufträge. So hat er für die Universität im schwedischen Uppsala mal eine Glocke mit einer Eule am Stiel gegossen, die jetzt noch als Duplikat in seinem Laden steht. In Uppsala haben die alten Studentenverbindungen alle ein Tier als Symbol und hüten eine Glocke mit diesem Tier am Stiel als ihren größten Schatz. Seit Jahrhunderten ist es zwischen den Verbindungen nun Brauch, einander diese Glocken zu stibitzen, und die historische Eulen-Glocke war bei einem der Raubzüge hingefallen und zerbrochen.

Viele Nachfragen kommen aus dem religiösen Umfeld. So hat Metzler schon Glocken für mehrere Kapellen in Berlin gegossen. „Gerade habe ich das Modell eines Glockenspiels für die Rekonstruktion des Turms der Parochialkirche in Mitte entworfen“, erzählt er. Und die Kapelle im Olympiastadion hat er mit einem klangschalenähnlichen Taufbecken ausgestattet. Da Metzler außerdem als Berufs-Perkussionist international viel unterwegs ist, sucht er gern auf Trödelmärkten oder in Antiquariaten nach besonderen Stücken. Aus Granada hat er eine rund 1200 Jahre alte hinduistische Glocke mit einem kleinen Dämon mitgebracht und auch ein rund 3000 Jahre altes chinesisches Stück aus einem berühmten Glockensatz ist in seinem Besitz. Die Glocke ist schwarz und groß und schwer und sieht sehr martialisch aus. Als Christbaumschmuck sicher ein zu gewagtes Experiment.

Gipsstraße 4, Mitte, Infos: www.glockenladen.de

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