Berlin : Bin ich Föhn?

Frisuren wie Cocktails: In der Charlottenburger Drybar sind Scheren tabu Rundbürste, Lockenstab, Haarspray und heiße Luft – das muss genügen.

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Eine Frage des Volumens. Auch ohne Schere lässt sich aus einer Mähne eine prächtige Frisur zaubern. Foto: Paul Zinken
Eine Frage des Volumens. Auch ohne Schere lässt sich aus einer Mähne eine prächtige Frisur zaubern. Foto: Paul Zinken

Einer Kundin wurden gleich ein Dutzend Rundbürsten auf dem Kopf drapiert. Einige Stühle weiter verschwindet eine andere Dame unter einer Wolke Haarspray. Fast alles wirkt wie beim Friseur: die Pflegeprodukte im verspiegelten Regal, die Frauenzeitschriften auf dem Kaffeetisch, die Föhne und Bürsten in allen Formen. Doch eines ist anders: Hier fällt nie auch nur eine einzige Locke auf den Boden.

Scheren gibt es keine in Berlins erster „Drybar“ am Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg, nahe dem Ku’damm. „No cuts. No color. But amazing blowouts.“ Das Motto erklärt: Statt Schnitt und Färbungen gibt es beachtliche Föhnfrisuren – für 35 Euro. Inhaber Sascha Stolic und seine Ehefrau Kim haben das Konzept aus den USA nach Berlin gebracht. Die Kundinnen kommen ohne Termin, wählen ein Styling aus der „Menü“-Karte und werden dann etwa 40 Minuten lang gestriegelt und gelockt.

Einen Laden zu eröffnen, der nichts als Föhnfrisuren bietet, ist gewagt. Doch Kim Stolic ist sicher: „Der Trend geht dahin, sich schnell nebenbei etwas Gutes zu tun.“ Das Konzept ist dabei gar nicht so neu. Mit dem Wunsch nach „Waschen und Legen“ verbrachte schon Oma viele heiße Stunden ihres Lebens unter der Trockenhaube. Danach waren die Haare mehrere Tage lang prächtig gelockt.

Heute ist es schwer, beim Friseur einen Termin nur fürs Haaremachen zu bekommen. In Drybars wird deshalb ausschließlich frisiert. Wenn die Kundinnen den Laden verlassen, sehen sie auf dem Kopf aus wie auf dem roten Teppich. Nicht umsonst blickt Grace Kelly anmutig vom Kaffeetisch herüber, hängen Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Audrey Hepburn und Liz Taylor auf der Toilette, mit einzigartig aufgetürmter Haartracht.

An Heidi Müllers Kopf steigt Dampf auf. Mit dem Lockenstab wird ihr Haar Strähne für Strähne eingedreht – und sie hat viele davon. Zur Hälfte baumeln sie schon gelockt vom Haupt. Die 51-Jährige aus Lichterfelde hat den Cosmopolitan geordert: „Locken, Locken…“ Die Frisurenauswahl ist nach Cocktails benannt. Der Metropolitan macht das Haar „Glatt mit ein wenig Volumen“, der Mojito „Perfekte Beachwaves“, der Tequila Sunrise „Locken und Volumen“.

Heidi Müller ist Lifestylekolumnistin und war unter den ersten Kundinnen. Seither kommt sie einmal im Monat zum Haareeindrehen. Das Werk hält ein paar Tage. An diesem Abend ist sie in den Friedrichstadtpalast eingeladen. Doch eigentlich tut sie es nicht für den Anlass, sondern für sich selbst. „Es ist mehr als eine Frisur. Es ist ein Gefühl.“ Beim ersten Mal sei sie richtig beschwingt aus der Drybar gehopst, weil die Locken so lustig um ihren Kopf sprangen.

Auch Kim Stolic, die Ehefrau des Inhabers, liebt die wippenden Haare. Im Urlaub in Los Angeles habe sie sich immer gefragt, warum die Frauen allesamt so tolle Frisuren hätten. „Wenn die Haare toll gemacht sind, kann man einen Müllsack tragen.“ Kim Stolic lacht. Sie selbst ist trotz ihrer „Perfekten Beachwaves“ fesch angezogen. Als sie die Drybars in L. A. ausprobierte, konnte sie nicht anders, als ihre Locken den ganzen Tag im Spiegel zu bewundern. Zurück in Berlin suchte sie kurz vor Silvester vergebens einen Termin zum Haaremachen. Da entstand die Idee zur Berliner Drybar.

Heidi Müller wird jetzt eingesprüht und durchgeschüttelt. Haarstylistin Jenny zerteilt die Strähnen, die Locken springen auseinander. Müller hat etwa zehn Freundinnen mit ihrer neuen Passion angesteckt. Eine hat sogar ihren 52. Geburtstag in der Drybar gefeiert. Für solche Anlässe kann man sie mieten, jeder Gast erhält dann den „amazing blowout“. Sogar mit den kurzen blonden Haaren einer Freundin habe das Team etwas anfangen können, sagt Müller. „Sie sah hinterher aus wie Meg Ryan.“

Kim Stolic zählt inzwischen rund hundert Kundinnen pro Woche. Auch Männer kommen, zur Kopfmassage. „Ich habe Frauen, die aus Frankfurt anrufen und zwei Stunden später samt Rollkoffer in den Laden kommen“, sagt sie. Mit ihrem Mann plant sie Filialen in Hamburg, München und Düsseldorf, außerdem eine zweite Drybar in Berlin.

Jetzt kommt der große Moment: Heidi Müller darf sich im Spiegel betrachten. Es folgt das Drybar-Ritual. Jenny fragt: „Ist das für dich ein amazing blowout?“ Weil die Kundin jubelt, beginnt das ganze Team, zu klatschen. Müller hüpft, ihre Locken hüpfen mit. Franziska Felber

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