Berlin : Bio-Mülltonnen: Ratten finden Bio-Gut

Markus Engelhardt

Ein Sprung genügt, und die Ratte sitzt auf der Tonne. Mit ihrem spitzen Kopf öffnet sie spielend den leichten Plastikdeckel und taucht ein ins Schlaraffenland aus Kartoffelschalen, Kochschinken und anderen Küchenabfällen. "Es gibt kein Hindernis für Ratten. Die kommen überall rein", warnt Schädlingsbekämpfungsmeister Reinhard Gajek. Und besonders die Biotonne sei für die Nager ein gefundenes Fressen. "Seit es diese Misttonnen gibt, haben wir ein Problem mit Ratten. Ich rate allen Hausverwaltungen, die Tonne abzuschaffen. Sie ist eine ekelhafte Zumutung für alle Mieter, stinkt und zieht Ungeziefer an."

Zum Thema Ted: Sollen Biotonnen abgeschafft werden? Die Bewohner sollen nach Gajeks Meinung das Bio-Gut einfach wie früher in den Restmüll werfen. "Da vermischt es sich mit dem anderen Müll, der auch viel öfter abgeholt wird. Die starken Gerüche bleiben aus und die Ratten unter der Erde." Wie oft die braunen Tonnen eingesammelt werden, entscheiden die Hausverwaltung oder die Eigentümer selbst, alle zwei Wochen ist die Regel. "Wir empfehlen aber eine wöchentliche Leerung, sonst kann es bei unsachgemäßem Gebrauch der Bio-Tonne und starker Sonneneinstrahlung zu Geruchsbelästigungen kommmen", rät Bernd Müller, Pressesprecher der Berliner Stadtreinigung (BSR). An warmen Tagen ist der Geruch, den die braunen Tonnen verströmen, sprichwörtlich atemberaubend. Für Ratten ein betörendes Parfum, es lockt sie an - ob aus Kanälen oder Kellern. Die gefährlichen Krankheitsüberträger kann nichts und niemand stoppen. Gajek, der selbst schon längst auf die Bio-Tonne verzichtet, erinnert sich noch an einen besonders aufregenden Fund: "Eine Ratte hatte sich durch das Plastik der Tonne durchgebissen, um reinzukommen."

Die BSR kann solche Berichte nicht bestätigen. Eine von Ratten durchgeknabberte Tonne habe man bisher lediglich ein Mal in Tempelhof entdeckt. "Das Gesundheitsamt hat das aber auf katastrophale Zustände im Hof und nicht auf die braune Tonne zurückgeführt", erklärt Müller. Wenn Mieter die Küchenreste in Zeitungspapier einwickeln oder in spezielle Tüten füllen, ab und zu eine Lage Zeitungspapier über den Bio-Müll legen, vielleicht auch mal ein spezielles Pulver benutzen und die Tonne nicht direkt in die Sonne stellen, "bestehen keine Belästigungen mehr. Außerdem werden die Tonnen direkt bei der Entleerung ausgespült." Das geschehe - auch im Hochsommer - alle sechs bis acht Wochen und hängt vom zuständigen Abfuhrhof ab. "Wir haben durchweg positive Erfahrungen mit der braunen Tonne gemacht", sagt Müller. "An eine Abschaffung denkt hier keiner. Das geht auch nicht, denn die Bio-Tonne ist Gesetz."

In vielen Gegenden sieht es allerdings anders aus. Zum Beispiel in der Bellermannstraße in Wedding, einer der übelsten Höfe, die Gajek auf seinen Rundgängen gefunden hat. Es riecht entsetzlich, überall Rattenkot. Überall sieht man Löcher im Boden. Wohin diese führen weiß Gajek genau: "In die Kanalisation. Da halten sich die Ratten auf.." An den Rändern der Tonnen sind Bissspuren zu sehen. "Leider kein Einzelfall, so wie hier sieht es an vielen Ecken in der Stadt aus." Und immer öfter werden der Schädlingsbekämpfer Gajek und seine Kollegen auch in die besseren Gegenden gerufen. Nicht nur in Kreuzberg, Neukölln oder Wedding, wo fast jedes zweite Haus Ratten hat, auch in Steglitz, Zehlendorf oder Dahlem muss Gajek gegen die Nager anrücken. Schuld sind nach Ansicht des Schädlingsbekämpfers die braunen Tonnen, und das, obwohl es sie in Gegenden mit Einfamilienhäusern erst seit einem Jahr gibt.

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