Berlin : Bio + Physik = Science

An der Neuköllner Schule gibt es einen einzigartigen naturwissenschaftlichen Unterricht. Und interkulturelle Erziehung in allen Fächern

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Von Annette Kögel

Schulen machen sich fit für die Zukunft – und der Tagesspiegel ist dabei. Nach dem schlechten Abschneiden Berlins bei der Pisa-Studie stellen wir Schulen vor, die Eigeninitiative und Kreativität groß schreiben. Den vierten Teil unserer Serie widmen wir dem Ernst-Abbe-Gymnasium. Die Überzeugung der Lehrer: Die überwiegend ausländischen Jugendlichen aus dem Neuköllner Norden bringen das Zeug mit, das Abitur zu machen – man muss sie nur richtig fördern. Mit selbst entwickelten Angeboten wie dem Fach „Science“ oder interkulturellem Unterricht.

Die Schule. Der Wille zur Veränderung hat im Neuköllner Ernst-Abbe-Gymnasium Tradition. In dem vor 100 Jahren begründeten Gymnasium engagierte sich schon Schulleiter Fritz Karsen für sozial benachteiligte Berliner – und organisierte in den zwanziger Jahren die ersten Abiturientenkurse für Arbeiter. „Die Reformfreude steckt bei uns im Gemäuer“ – davon sind die an der Sonnenallee 79 tätigen Lehrerinnen und Lehrer überzeugt. Heute unterrichten hier 44 Pädagogen 547 Schüler. Die Abbe-Schule ist Ausbildungsstätte für Nachwuchslehrer, derzeit gehören sieben Referendare und vier Praktikanten zum Team. Die Jugendlichen kommen aus über 15 Nationen – die Quote von Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache liegt im Schnitt bei 64 Prozent, bei den 7. Klassen sogar bei etwa achtzig Prozent. Ein Drittel aller Schüler fällt nach dem Probehalbjahr in der 7. Klasse durch – darunter sind aber mehr deutsche als ausländische Berliner.

Das Besondere. Nehmen wir das Schlagwort „interkulturelle Erziehung“ – dahinter verbirgt sich ein maßgeblich von Lehrerin Carola Fengler entwickelter, lebensnaher Unterricht. Die Schüler sollen sich und ihre Geschichte anders kennen lernen. So werden etwa beim Stichwort Mittelalter nicht nur die Kreuzzüge behandelt, sondern auch deren Auswirkungen auf den Islam: Globalisierung auf dem Stundenplan.

In den achtziger Jahren haben Lehrer noch spontan Türkisch gelernt, um mit Schülern in ihrer Sprache scherzen zu können. Heute werden die Jugendlichen selbst mit „Daz“-Angeboten gefördert – ausgeschrieben heißt das „Deutsch als Zweitsprache“: zwei Lehrer im Unterricht, mehr Deutschstunden als üblich, Förderunterricht, Gruppenteilung, Deutschlernen auch in anderen Fächern. „Die Schüler bringen das intellektuelle Potenzial mit“, sagt Lehrerin Erdmute Safranski – man muss sie nur fördern.

Um sich auch bei gutbürgerlichen Elternhäusern weiter zu profilieren, hat die Abbe-Schule zwei Angebote selbst erarbeitet. Das eine: „Science“-Unterricht, eine in der Stadt einmalige Kombination von Biologie- und Physikunterricht. Beispiel: Fische. Was haben die Flossen mit dem Flugzeugflügelprofil gemein, und wie genau verleiht die Schwimmblase Auftrieb? Dabei unterrichten in der Regel zwei Lehrer. So lernen die Schüler fächerübergreifend zu denken, Zusammenhänge zu begreifen, sagt Lehrerin Gabriele John. Dass ihr Vorhaben gelingt, fällt den Lehrern immer dann auf, wenn sie Gastschüler unterrichten: Abbe-Schüler haben eher gelernt, selbstständig zu arbeiten. „Schülerzentrierter Unterricht“ nennt sich das. Über die Hälfte der Lehrer hat sich freiwillig auch am Wochenende in dieser Richtung fortgebildet, indem sie sich das entsprechende Konzept des Schulreformers Heinz Klippert aneigneten. Und last, but not least: Die bilinguale Englisch-Klasse im Aufbau.

Eltern und Schüler. „Hier in Neukölln gibt es ja ein paar mehr Kriterien, die man bei der Schulwahl berücksichtigen muss als zum Beispiel in Zehlendorf“, sagt Roswitha Müller. Dass ihre Tochter Katharina in der Klasse 8b Latein als erste Fremdsprache belegen konnte, gefällt ihr. Und außerdem: „Wo sonst findet man so viele motivierte Lehrer an einer Schule?“ Gamze Acar aus der Klasse 9b fährt jeden Tag aus Lichtenrade bis in die Sonnenallee. „Ich wollte unbedingt an die Schule.“ Die Mitschüler? „Keine Konflikte.“ Die Lehrer? „Streng, aber nett.“ Gelingt es trotzdem mal, bei Arbeiten abzuschreiben? Da kommt der Stolz einer Abbe-Schülerin durch. Gamze: „Das habe ich nicht nötig.“

Ernst-Abbe-Gymnasium, Sonnenallee 79, 12045 Berlin, Telefon. 68092423. Im Internet: www.ernst-abbe.de . Interessenten sind zum Jubiläums-Schulfest am 27. 9. ab 12 Uhr geladen – mit einem „Menü der Nationen“.

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