Biosprit : Verwirrung an Berliner Zapfsäulen

Nur wenige Berliner wissen, ob ihr Auto den neuen Biosprit E10 verträgt. Sie greifen lieber zu Super Plus und zahlen dafür bis zu acht Cent mehr.

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Enthüllung eines Ärgernisses: Viele Autofahrer boykottieren den neuen Sprit.
Enthüllung eines Ärgernisses: Viele Autofahrer boykottieren den neuen Sprit.Foto: dpa

Zu den Zapfpistolen, auf denen seit einigen Wochen E10 steht, greift an den Tankstellen derzeit kaum jemand. „Ich tanke kein E10, da hab’ ich mich nicht erkundigt, ob mein Auto das verträgt, und das ist nicht so leistungsfähig wie Super“, sagt Wolfgang Lippe genervt. Er pumpt lieber Super Plus für 1,59 Euro in seinen dunklen Renault Clio an der Aral Tankstelle in der Brunnenstraße in Gesundbrunnen. Dabei muss er dafür fünf Cent mehr pro Liter zahlen als für den neuen Biosprit. So wie Lippe denken viele Autofahrer. Sie sind verunsichert und wissen nicht, ob ihr Auto das neue Benzin verträgt oder ob es schadet, und sie fühlen sich schlecht informiert.

Der Durchblick an der Zapfsäule fehlt auch Stefan Pankonin aus Mitte. „Der Wagen ist für E10 geeignet, doch die Werkstatt empfahl mir, lieber Super zu tanken. Angeblich können da schädliche Rückstände im Motor bleiben“, sagte Pankonin. Ein Polofahrer aus Kreuzberg hat sich auf der Internetseite des ADAC informiert und ist verwirrt: „Da stand, dass mein Baujahr E10 nicht verträgt. Als ich bei VW angerufen habe, sagten die mir, dass ich das ruhig tanken könne.“ Trotzdem greift er an der freien HEM-Tankstelle an der Holzmarktstraße in Mitte zu Super, sicher sei sicher. Gegenüber tut es ihm eine Frau gleich, auch sie hat Angst vor möglichen Folgeschäden. „Alle sagen, dass 90 Prozent der Autos E10 tanken könnten. Aber vielleicht gehöre ja gerade ich nicht dazu.“

Das Bild an den Berliner Tankstellen ist überall gleich. Wenn es den billigeren Biokraftstoff E10 schon gibt, trauen ihm die meisten Autofahrer nicht und tanken lieber Super und Super Plus. Im Gegensatz zu Tankstellen, wo es bereits kein Super mehr gibt, kann bei Aral noch das alte Benzin getankt werden. Bei anderen heißt die Alternative zu E10 nur Super Plus, und das ist pro Liter bis zu acht Cent teurer. Aral bietet E10 bereits an allen 60 Tankstellen in der Stadt an, sagte Sprecher Tobias Wolny. Doch die Kunden seien verunsichert. „70 Prozent der Leute, die E10 tanken könnten, bevorzugen das teurere Super“, sagte Wolny. Dabei weisen bei Aral Schilder an den Zapfsäulen darauf hin, dass die Angestellten mit Hilfe einer Liste aufklären könnten, ob E10 in den Tank darf oder nicht. Wirklich verbindlich könnten das aber nur die Hersteller sagen. Ein Tankwart bei der Firma Shell, die noch nicht alle Tankstellen in Berlin mit E10 ausgestattet hat, sagte, er dürfe gar keine Auskünfte geben. Deswegen empfiehlt er unsicheren Kunden grundsätzlich das teurere Super Plus. E10 wolle sowieso niemand.

Doch die Hersteller müssen es anbieten. Die Politik will das Benzin, das bis zu zehn Prozent Bio-Ethanol enthält, weil es angeblich weniger klimaschädliches CO2 freisetzt. „Die Verbraucher sind frustriert, weil sie nicht ausreichend informiert sind“, sagte Jörg Kirst vom ADAC Berlin-Brandenburg. Er fordert an allen Tankstellen aushängende Listen, auf denen verbindlich steht, welche Modelle E10 vertragen. Wenn das Misstrauen sinke, könnten die Leute nicht nur sparen, sondern auch das Klima entlasten.

Wirklich Bescheid wissen nur wenige. George Ngamotu aus Potsdam vertraut den Auskünften an der Tankstelle. „Die haben gesagt, ich darf E10 tanken“, sagt er und füllt den Tank seinen Mercedes damit. Eine Lichtenbergerin würde auch gerne mit E10 fahren, doch das neue Benzin darf nicht in ihren alten Seat. Einfacher hat es die Mitarbeiterin eines Pflegeunternehmens. Für ihren Dienstwagen ist der Biosprit vom Chef vorgeschrieben.

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