Berlin : Biotechnologie hadert mit der Politik

Die Branche wächst, doch der Berliner Finanznotstand und Kompetenzwirrwarr machen Unternehmern das Leben schwer

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Berlin (pet). Wenn Holger Eickhoff eins gelernt hat in seiner kurzen Berliner Unternehmerkarriere, dann das: „Du musst Deine Geschicke in die eigene Hand nehmen“, sagt der Gründer der Biotechnologie-Firma Scienion in Adlershof. „In Berlin kann man sich auf die Zusagen der Politik nicht verlassen.“ Hätte er es getan, stünde sein Unternehmen heute vermutlich viel schlechter da.

Die Politiker wechselnder Regierungen haben die Biotechnologie zwar zu einer der wichtigsten Zukunftstechnologien der Region erklärt, lassen es an Unterstützung aber oft fehlen – und setzen so das Ziel, mit den erfolgreichen, allerdings früher gestarteten Biotech-Standorten in München-Martinsried und dem Rhein-Neckar-Dreieck gleichzuziehen, leichtfertig aufs Spiel.

Dass die Region den Anschluss schaffen kann, bestreitet allerdings keiner. Die Hauptstadt ist für Mitarbeiter attraktiv, das wissenschaftliche Umfeld ausgezeichnet. Allein fünf Universitäten und Fachhochschulen bilden wissenschaftlichen Nachwuchs aus, dazu gibt es namhafte Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck- und Fraunhofer-Institute, die Charité und das Deutsche Herzzentrum. In den vergangenen Jahren haben sich aus ihnen heraus zahlreiche junge Biotech-Unternehmen gegründet. Insgesamt hat sich ihre Zahl in der Region seit 1997 verdoppelt, auf derzeit 155 – das sind mehr als an jedem anderen Standort in Deutschland.

Auch Scienion ist vor eineinhalb Jahren aus dem Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik (MPI) hervorgegangen. „Unser Forschungsziel war erreicht“, sagt Eickhoff, der Bio-Chips für die Erbgutanalyse entwickelt. „Jetzt wollten wir damit Geld verdienen.“

Um Kapital für die Firmengründung zusammenzubekommen, beantragte der promovierte Chemiker bei Förderinstitutionenvon Land und Bund Geld für verschiedeneForschungsprojekte. Parallel klopfte er an die Türen diverser Risikokapitalgeber und der Investitionsbank Berlin Brandenburg und suchte Rat bei den vielen Institutionen, die in der Region für die Biotechnologie zuständig sind. Am Konkurrenzstandort Martinsried hätte er sich die langen Wege sparen können: Ein Anruf bei der dortigen Vermarktungsorganisation BioM, die zudem mit üppigem Risikokapital ausgestattet ist, hätte genügt. Es gibt Firmen, wie die heute börsennotierte GPC, die genug hatten von der Lauferei und genervt von Berlin nach München abgewandert sind. Andere haben es sich nach den ersten Erfahrungen mit der Berliner Verwaltung wieder anders überlegt und sind letztlich doch weggeblieben. „Wir brauchen eine zentrale Anlaufstelle für die Biotechnologie“, fordert Eickhoff daher stellvertretend für viele.

Selbst, wer die Mühen des Klinkenputzens auf sich nimmt, wird nicht unbedingt belohnt: Scienion etwa hat einem Konsortium aus 3i, Peppermint und der Investitionsbank nach acht Monaten sechs Millionen Euro bekommen. Auf weitere – bereits genehmigte – zwei Millionen Euro aus öffentlichen Töpfen des Landes, wie etwa dem Zukunftsfonds, wartet Eickhoff, der bereits 30 Mitarbeiter beschäftigt, dagegen bis heute. Die Folge: Neue Projekte müssen verschoben werden. Die Konkurrenz freut sich.

Biotop-Chef Kai Bindseil kennt das Problem – und schiebt die Schuld dem Land zu. „Die Unternehmen leiden unter der unsicheren Haushaltssituation“, sagt er. Als Beispiel nennt er ein Biotech-Start-up, das gerade die Zusage für Fördermittel bekommen hat – allerdings mit dem Hinweis, dass das Geld angesichts der desolaten Finanzlage erst 2004/05 fließen wird. „Für ein junges Unternehmen ist das eine echte Katastrophe“, sagt Bindseil. Auch die Hoffnung auf den „Zukunftsfonds“, den das Land mit rund 130 Millionen Euro aus dem Verkauf der Wasserbetriebe für die Förderung der „Zukunftstechnologien“ ausstatten wollte – nach bayerischem Vorbild – haben viele längst aufgegeben. Bis jetzt ist kaum Geld geflossen. Nach Aussage eines Sprechers der Wirtschaftsverwaltung wird sich das vorerst auch nicht ändern. Dabei sind die Biotech-Firmen gerade in der Frühphase auf Fördermittel angewiesen: Die Forschung und Entwicklung an neuen Produkten dauert lange und ist teuer.

Erschwert wird die Situation dadurch, dass auch private Risikokapitalgeber zurückhaltender geworden sind: Flossen im vergangenen Jahr noch 150 Millionen Euro in die Biotechnologie-Förderung der Region, erwartet Bindseil für dieses Jahr nur noch 75 Millionen Euro. Große Finanzierungsrunden wie die 20 Millionen Euro, die die Berliner Firma Jerini noch im letzten Jahr einstrich, sind die Ausnahme. Und auch die Börsen scheiden als Finanzierungsinstrument derzeit aus.

Das bleibt nicht ohne Folgen. „Die Stimmung hat sich verändert“, sagt Gudrun Erzgräber, Geschäftsführerin der BBB Campus GmbH in Buch, die den größten der siebenBiotech-Parks der Region vermarktet. „Die frühere Euphorie ist einem neuen Realismus gewichen.“ Einige Berliner Biotech-Firmen hat der Realismus besonders hart erwischt. „Es gibt Firmen, die auf der Kippe stehen“, sagt Biotop-Chef Bindseil. Die ersten haben bereits Insolvenz angemeldet. Bindseil bleibt trotzdem optimistisch. „Bis 2010“, sagt er, „können bis zu 10 000 Arbeitsplätze entstehen.“ Derzeit sind es rund 3200. Die Politik hat Unterstützung versprochen. Bis „spätestens Anfang 2004“, sagt der Sprecher der Wirtschaftsverwaltung, soll es eine zentrale Anlaufstelle für Biotech-Unternehmen geben.

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