Berlin : Birgit Decker (Geb. 1969)

Für Weltschmerz hat sie keine Zeit

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Sie hat keine Zeit zu verlieren, von Anfang an. Als Kind dressiert sie Schweine. Mit 14 ist sie zum ersten Mal verliebt und geht mit einem Jungen aus dem Dorf. Sie knutscht so gern. Ihr Herz ist wild, ihre Klamotten punkig. Nichts kratzt an ihrem Selbstbewusstsein.

Ihr Freund kifft, sie kifft und alle anderen, die sie mit Gras versorgt, kiffen auch. Eines Tages gibt es einen dumpfen Knall. Wie eine Puppe fliegt ihr Freund durch die Luft und bleibt am Boden liegen. Aus dem Nichts ist ein Auto aufgetaucht, wie ein Geschoss. Der Freund ist tot.

Zu Hause hält sie nichts, sie zieht in einen Wagenburg-Bauwagen. Doch der Schnitt ist nicht groß genug. 1987 verlässt sie die Pfalz endgültig und geht nach Berlin, ins enge Neukölln. Ausbildung zur Fotografin in einem Projekt für gefährdete junge Erwachsene. Die Arbeit gefällt ihr. Bilder berühren ihre Seele, beim Porträtieren zeigt sie Talent. Nur mit dem Meister kommt sie nicht zurecht. Einer, der meint, sie bevormunden zu müssen, der sie Kaffee kochen lässt. Geldangebote, die ihr die Eltern machen, schlägt sie aus. Sie will auf eigenen Füßen stehen.

Umschulung zur Cutterin, ein Job, wie für sie geschaffen: flinke Hände, rasche Auffassungsgabe, ein feines Gespür für Rhythmus, Auslassung und Erzählung. Im Produktionsstress des Senders bleibt sie der Fels in der Brandung. Die Haare blond gefärbt, raspelkurz geschnitten, gekonnt geschminkt, beweist sie Nervenstärke. Der Zeitdruck bringt sie erst auf Betriebstemperatur. Kommt ihr jemand krumm, faucht sie zurück. Zur Entspannung ist die Zigarettenpause da.

Ihre Mutter stirbt früh in ihren Armen, da weiß sie: Das kann mich auch treffen. Krebs. Der Vater folgt bald nach. Mit 27 ist sie Waise. Wohin mit all den Gefühlen? Für Weltschmerz hat sie keine Zeit. Sie beschleunigt das Tempo, in der Liebe, in der Arbeit, im ganzen Leben. Reisen nach Thailand, Kolumbien, Venezuela, New York, Istanbul, Uruguay … Sie lässt nichts aus. Freundschaften, Affären, Theater, Kino, Essensfeste. Der Freundeskreis wächst und wächst, sie ist telefonischer Kummerkasten für alle, spendet lebenstechnische Orientierungshilfe dort, wo andere nicht mal bis zum Abend denken können.

Eines Tages steht Holly vor ihr, das perfekte Gegenstück zur Achtfrauen-WG, in der sie lebt. Agrarwissenschaftler, dunkle Stimme, breite Schultern, gut aussehend. Ein Vorstadtcowboy mit Haus, Hof, Trecker und Garten. Sie zieht zu ihm und teilt sich mit ihm außerdem eine Stadtwohnung. Jeden Tag steigt sie in ihren kleinen Lancia, und fährt in die Stadt rein und aus der Stadt wieder raus. Die Liebe hält zehn Jahre, doch am Ende fehlt etwas. Ein Kind oder das entscheidende Glücksmoment. Mit ihrem Garten, den Möbeln und den Tieren zieht sie nach der Trennung in ein romantisches Gutshaus, sie macht erst mal Urlaub und fährt Ski.

Ende 2003 dann das das ersehnte Glück: Luis wird geboren, ihr Sohn. Oliver, den Vater, kennt sie noch von früher, da waren sie mal zusammen. Jetzt sind sie’s wieder, sie richten sich gemütlich ein in einem blauen Ökohaus, verreisen und genießen das Leben mit dem Kind. Da spürt sie mit einem Mal ein Ziehen in der Brust. Von hundert auf null in einer Sekunde – die Diagnose bremst sie runter: Krebs. Chemotherapie, Operation, Medikamente, alles steht sie durch. Sie fängt auch wieder an zu arbeiten. Doch die Angst vor jeder weiteren Untersuchung bleibt. Erreiche ich die Fünf-Jahres- Grenze? Ist der Krebs ganz raus? Er macht eine Pause, er ruht sich aus.

Dann schlagen die Tumormarker wieder Alarm. Der Krebs ist aufgestanden. Sie kämpft, sie kämpft weiter gegen den giftigen Nebel in ihr. Sie gibt nicht auf, sie lässt ihre Freunde teilhaben an allem, was geschieht. Längst weiß sie, dass sie ihr Glück viel schneller zu Ende bringen muss als vorgesehen.

Luis kommt in die Schule, sie schreibt ihm ein Buch und beantwortet darin all die Fragen, die sich dem Kind noch gar nicht stellen. Ein letzter Gartenumzug, ein letzter Geburtstag mit den engsten Freunden. Zuversicht, die niemals stirbt, auch wenn das Stoppschild schon in Sichtweite ist. Aus dem letzten lichten Winkel ihres Bewusstseins zwinkert sie allen noch einmal zu, drückt jedem fest die Hand. Will zeigen, dass alles gut ist, obwohl gar nichts gut ist.

Ihre älteste Freundin aus der Pfalz kommt zu ihr, sie liegt bereits im Hospiz. Noch einmal atmet sie tief durch, dann rast sie mit tausend Sachen über das Stoppschild hinaus, weit hinein in die geraubte Zeit. „Sie war so stark, dass es fast wehtat!“, sagt eine Freundin auf der Trauerfeier. Stephan Reisner

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