Birthler-Behörde : 90.000 wollen pro Jahr ihre Stasi-Akten sehen

Jedes Mal, wenn über die Zukunft der Birthler-Behörde gestritten wird, steigt die Zahl der Anfragen. Jetzt ist es wieder soweit.

Andreas Wilhelm
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Das Interesse der Bürger an den Stasi-Unterlagen ist ungebrochen. -Foto: ddp

Nach jeder Negativschlagzeile über die Stasi-Unterlagenbehörde wissen deren 2000 Mitarbeiter schon, was auf sie zurollt: eine neue Welle von Anträgen auf Akteneinsicht. Jetzt ist es wieder so weit, weil die Zweifel an der Birthler-Behörde wachsen und es Forderungen gibt, die Akten an die Bundes- und Landesarchive zu übergeben.

Dabei ist das Interesse der Bürger ungebrochen. Auch 17 Jahre nach Auflösung der Stasi gibt es durchschnittlich 250 Anfragen pro Tag – Tendenz steigend. Das sagt zumindest Herbert Ziehm, der Leiter der Abteilung Auskunft. Der heute 60-Jährige gehörte 1990 zu den Demonstranten, die die Stasi–Zentrale besetzt hatten. Anschließend arbeitete er im Bürgerkomitee mit, das die Auflösung des Spitzelapparates überwachte. Später wechselte er in die neu gegründete Stasi-Unterlagenbehörde, die heute in einem heruntergekommen Plattenbau am Alex residiert.

Ziehm verweist auf ein Diagramm in dem 160 Seiten starken Tätigkeitsbericht der Behörde. Eine Kurve ist darauf zu sehen, die Anfang der 90er Jahre in die Höhe schießt. 682 000 Bürger wollten in den Jahren ’92/’93 einsehen, was die Stasi über sie gesammelt hatte. In den Jahren darauf sieht es so aus, als wenn das Interesse ständig nachgelassen hat, sich im Zweijahresturnus halbiert. 2002/’04 kamen noch knapp 200 000 Interessenten. „Seitdem sind es noch um die 90 000 jedes Jahr“, sagt Ziehm. „Aber“, fügt er hinzu: „Wir erleben wieder einen Anstieg.“ 2006 kamen 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Und es wird wieder mehr, kalkuliert Ziehm. „Schon bis Ende Juni haben wir wieder 52 000 Anfragen“, sagt der Abteilungsleiter. Die Diskussionen, ob die von der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler geführte Behörde mit ihren zwölf Außenstellen nicht aufgelöst werden soll, verfolgt Ziehm mit Unbehagen. Allerdings weiß er auch, dass bislang immer die Zahl der Leute gewachsen ist, die Auskunft wollen. Viele hätten wohl Angst, so vermutet Ziehm, dass die Archive womöglich bald für immer verschlossen sein könnten. Eine echte Torschlusspanik also.

Aber nicht nur das: Immer, wenn das Thema Stasi in den Medien auftaucht, erinnern sich die Bürger an die Akten des Mielke-Ministeriums. Der Film „Das Leben der Anderen“ habe beispielsweise zu einem wahren Anfragenschub geführt. Dabei hat die Unterlagenbehörde nicht nur mit Anfragen von Bürgern zu tun. Auch Unternehmen oder Behörden, die für die Personalabteilung Auskünfte brauchen, lassen nachforschen. Ferner bitten Staatsanwälte, die strafrechtliche Sachen aus der Vergangenheit klären müssen, um Amtshilfe. Nicht zu vergessen sind parlamentarische Mandatsträger wie Bundestagsabgeordnete, die hier gecheckt werden. Das trifft übrigens auch auf Menschen zu, die für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen sind.

Doch nicht nur wegen der Vergangenheit wenden sich Menschen an die Behörde. Zu den 90 000 Bürgeranfragen kamen im vorigen Jahr noch einmal 60 000 Auskunftsersuchen von der Deutschen Rentenversicherung. Die Behörde ermittelt, wenn DDR-Rentner ihr Arbeitsleben nicht lückenlos dokumentieren können. Die Nachweise brauchen sie jedoch, um volle Altersbezüge zu erhalten. Ums Geld geht’s auch so manchem früheren Stasi-Mitarbeiter, der sich an die Behörde wendet. Abteilungsleiter Ziehm erläutert den Extremfall eines frühen Geheimdienstlers: „Wenn einer vielleicht jahrelang verdeckter Mitarbeiter des MfS war, und dann noch im Ausland, taucht sein richtiger Name nirgendwo auf.“ Solche Leute würden eigentlich ihre Vergangenheit am liebsten begraben, sagt Ziehm. „Wenn es aber um 200 Euro mehr oder weniger auf dem Rentenbescheid geht, hat das Schamgefühl ein Ende.“

Internationale Post erhält die Unterlagen-Behörde auch: Im Laufe der Jahre summieren sich die Anfragen aus dem Ausland auf die Zahl von 12 000. Davon kamen die meisten aus der Schweiz (1749), aus Polen (1733) und Österreich (1334). Die USA stehen an vierter Stelle mit 1260 Anfragen. Vielfach sind es Auswanderer, die wissen wollen, ob der DDR-Geheimdienst etwas über sie gespeichert hat. Nach Ziehms Meinung werde erst heute vielen bewusst, dass die Stasi keine reine DDR-Angelegenheit war. Und dieses Bewusstsein scheint selbst in Ländern wie dem Ministaat Monaco oder dem weit entfernten Indonesien zu wachsen – bislang gab es je zwei Nachfragen von dort.

Mehr zum Thema im Internet unter

www.bstu.de

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