Bis zum letzten Schritt : Der Wahltag eines Wechselwählers

Vielleicht die Piraten, vielleicht die AfD? Der Weg zur Abstimmung fällt ihm nicht leicht, an der Urne wartet der Zweifel. Die Geschichte eines Unentschlossenen und seiner Stimmabgabe.

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Wechselwähler. Eigentlich will er gar nicht abstimmen, aber mitmischen möchte er dann doch: Jakob Köhler.
Wechselwähler. Eigentlich will er gar nicht abstimmen, aber mitmischen möchte er dann doch: Jakob Köhler.Fotos: Thilo Rückeis

Der Weg zum Wahllokal ist vielleicht 500 Meter weit. Am Bezirksrand in der Landsberger Allee, dort, wo der Szenekiez Friedrichshain Lichtenberg am ähnlichsten ist, führt er vorbei an einem Späti und unzähligen Plakaten, die den Wählern die Richtung in eine vermeintlich bessere Zukunft weisen sollen. Der Weg der Stimme, der Weg der Entscheidungsfindung kann lang sein, voller Umwege, voller Ungewissheit. Jakob Köhler ist beide Wege gegangen.

Es ist Wahltag, 11 Uhr. Köhler, 23 Jahre, sitzt in seiner WG-Küche. Für einen Sonntag viel zu früh. Es gibt Kaffee, genug Zeit noch einmal nachzudenken, warum er eigentlich wählen will. Politisch interessiert war er immer. So wie es im Elternhaus auch vorgelebt wurde, sagt er. Repräsentiert von den Parteien im Bundestag fühlt er sich nicht. Mitmischen will er trotzdem. „Und viel besser als bei einer Wahl wird es eben nicht“, sagt Köhler. Wie so viele, sagt er, habe er sich mit dem Gedanken abgefunden, dass am Ende eine große Koalition herauskommt. Welche drei Buchstaben am Ende die Partei hat, die den Kanzler stellt, sei eigentlich auch egal. Ein typischer Wechselwähler. Trotz seines geringen Alters hat er mit dieser nun schon vier Wahlen mitgemacht. Keine ausgelassen. Es sind nicht Personen oder Parteien, die ihn zu Urne ziehen. Eher Themen.

Kleinparteien und Extreme sind für Köhler unwählbar

NSA-Skandal. Euro-Krise. Energiewende. Da sucht er die größte Schnittmenge. Manchmal vergebens. Köhler studiert Wirtschaftsingenieurwesen. Zahlen, Fakten, Wissenschaft. „Es wäre schön, wenn das auch in der Politik mehr Gewicht hätte. Ich will eigentlich nicht, dass Theaterpädagogen und Rechtsanwälte die Energiewende gestalten.“ Eigentlich will er die Energiewende überhaupt nicht. Viel zu teuer, sozial ungerecht. Aber die Energiewende offen ablehnen? Das macht nach Fukushima fast keine Partei mehr. Wer das will, der landet schnell bei den Programmen der Kleinparteien und der Extreme. Für Köhler unwählbar. Aber wer dann?

Foto: Thilo Rückeis.

Köhler zieht Jacke und Schuhe an. Das Wahllokal ist um die Ecke in einer kleinen Kita. Ganz entschieden ist er nicht. Eine generelle Richtung gibt es. „Aber wie das immer so ist. In der Wahlkabine hat man doch noch mal Zweifel.“ Briefwahl, das sei ausgeschlossen. Bis zur letzten Minute am Wahltag will er noch überlegen, noch schauen, was die Parteien so treiben. Eine Erfahrung aus der vergangen Bundestagswahl. Damals bekam seine Stimme Gewicht. Er hatte die Linke gewählt, sie zog ein. Doch mit ihrer Politik war er nicht zufrieden. „Vielleicht, weil sich die Partei geändert hat“, überlegt er. „Oder meine Einstellung.“ Beides?

Auf der Straße lacht ihm Peer Steinbrück von einem Plakat entgegen. Wenn die SPD in Regierungsverantwortung käme, sagt er, das wäre schon nicht so schlimm. Aber eigentlich will er, dass im Bundestag gestritten wird, gerungen um die beste Idee, dass erst die Diskussion kommt und dann der Konsens. Das vermisst er. „Deswegen finde ich auch, dass man nicht unbedingt die Parteien wählen muss, die man auch gerne an der Regierung hätte.“ Lieber ein paar, die „stänkern“, sagt er. Wie die Linken früher. Je mehr, desto besser. Vielleicht die Piraten, vielleicht die AfD. Wen er nun gewählt hat? „Geheim“, sagt er, nachdem er die Stimme in die Urne geworfen hat. Die ersten Hochrechnungen verfolgt er am Abend in einer Neuköllner Eckkneipe auf dem Smartphone. Glücklich sieht er nicht aus.

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