Berlin : Bis zur fünften Klasse macht Lernen Spaß

Diskussion um Bildungsstudie Iglu: CDU fordert vierjährige Grundschule – Koalition hält an sechs Klassen fest

Claudia Keller

Die Lehrer an den Berliner Grundschulen atmen auf: Die internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) hat ergeben, dass die deutschen Grundschüler im internationalen Vergleich überdurchschnittlich gut lesen können. Wenn die Grundschüler im internationalen Vergleich gut da stehen, warum schnitten dann die 15-jährigen Deutschen im Pisa-Vergleich so schlecht ab? Das fragen sich nun die Politiker und ziehen ganz unterschiedliche Schlüsse für das Berliner Schulsystem. Während sich die Schulexperten von SPD, PDS und den Grünen darin bestätigt sehen, dass sechs Klassen Grundschule den Kindern gut tun, folgert Michael Szulczewski von der CDU, dass die Berliner Kinder schon ab der vierten Klasse separiert werden sollen.

Die Iglu-Studie wird offiziell kommenden Dienstag vorgestellt. Sechs Berliner Grundschulen haben daran teilgenommen, einen Ländervergleich gibt es nicht. Vorab wurde bekannt, dass die Iglu-Forscher aus ihrer Studie den Schluss ziehen, dass nicht die ersten vier Klassenstufen das Problem sind, sondern dass es im deutschen Bildungssystem erst ab Klasse fünf hakt. Für den Berliner CDU-Bildungsexperten Szulczewski liegt das daran, „dass wir bis zur vierten Klasse gute Lehrer haben, die Leistung abfordern“. Da er selbst jahrelang als Lehrer gearbeitet hat, wisse er, dass ab der fünften Klasse die Leistungsschere sehr stark auseinander gehe. „Da setzt ein Leistungsschub ein, auf den muss man reagieren.“ Deshalb fordert er auch für die Hauptstadt, was in anderen Bundesländern üblich ist: die Differenzierung der Kinder in Haupt- und Realschüler und Gymnasiasten ab Klasse vier.

Felicitas Tesch von der SPD hingegen fühlt sich durch die Iglu-Ergebnisse in ihrer Überzeugung bestärkt, dass es nicht gut ist, die Kinder schon ab der vierten Klasse zu separieren. Die Iglu-Studie würde ja gerade zeigen, dass die Probleme genau dann beginnen, wenn die deutschen Schulkinder getrennt würden. Je länger sie zusammenbleiben, umso eher könnten die Lernschwachen mitgezogen werden. Die Berliner Grundschulen mit ihren sechs Klassen seien „auf dem richtigen Weg“. Außerdem sei es richtig, die Gesamtschulen zu fördern, wie es die Koalition im neuen Schulgesetz verankern will.

Dass die Iglu-Ergebnisse den Gesamtschulen Auftrieb geben könnten, sieht Mieke Senftleben von der FDP nicht. Schließlich hätten die bei Pisa auch nicht gut abgeschnitten. Senftleben fordert, „dass wir die Kinder in dem System, wie es ist, auf breiter Basis individuell mehr fördern“, so wie es viele Grundschullehrer gewohnt sind zu tun. Außerdem könnten die Oberschulen vom Praxisbezug der Grundschulen lernen: „Den Grundschülern macht das Lernen noch Spaß, die Themen werden nicht abstrakt vermittelt.“

Das Wichtigste sei, dass die deutschen Schulen endlich lernen, mit einer Schülerschaft umzugehen, die von der sozialen Schichtung und vom Ausländeranteil immer vielfältiger werde, sagt Özcan Mutlu von den Grünen. In Deutschland sei es immer noch üblich, die schlechten Schüler einfach abzuschieben.

„In Berlin muss sich viel tun“, meint Carmen Stürzel von der Vorlese-Initiative „Lesewelt“. Sie habe sich gewundert, dass die deutschen Grundschüler bei Iglu so gut abgeschnitten haben. „Wir erleben oft Fünftklässler – und nicht nur Ausländerkinder –, die lieber Bilderbücher anschauen, weil sie die einfachsten Texte nicht verstehen.“

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