Berlin : Bis zur letzten Pfeife

Die Orgel der Gedächtniskirche klingt wieder. Nach ihrer Sanierung wird heute Premiere gefeiert

Sebastian Leber

Auf diesen Moment hat Helmut Hoeft gewartet. Wenn er heute um zehn Uhr die ersten Takte von „Nun danket all und bringet Ehr“ spielt, ist für den Kirchenmusiker die quälende Durststrecke vorbei. Knappe fünf Monate wurde die Orgel der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche restauriert, in dieser Zeit musste Hoeft mit einer kleinen Ersatzorgel neben dem Altar Vorlieb nehmen. Das sei, als tausche man seinen Mercedes gegen einen klapprigen VW-Polo, sagt er. Nun hat Hoeft sein Luxusgefährt wieder, und die Töne erklingen „so klar und deutlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr“.

Zu verdanken ist das Harald Knorr und seinen Kollegen von der Berliner Orgelwerkstatt Karl Schuke. Der 66-jährige Knorr kennt das Instrument bereits seit den frühen 60er Jahren, er war damals einer der ersten, der die Orgel stimmen und warten durfte. Kein Wunder also, dass die Kirchengemeinde jetzt unbedingt Knorr für die 220 000 Euro teure Restaurierung haben wollte.

Es gab viel zu tun: Spieltisch, Tonventile und Dichtungen mussten erneuert, alle 5500 Pfeifen einzeln ausgebaut und gereinigt werden. Knorr verlegte millimeterdünne Holzleisten, sie leiten den Druck auf die Tasten an die entsprechenden Pfeifen weiter. Das Wichtigste aber war, dass durch das Zusammenspiel aller Einzelteile das gewünschte Klangbild entstand. Darin ist Knorr unschlagbar, und das, obwohl er selbst gar nicht Orgel spielen kann: „Mit 15 Jahren nahm ich Klavierunterricht, aber dann ist meine Lehrerin gestorben.“

Heute wird auch Knorr am Gottesdienst teilnehmen – und er weiß schon jetzt: Es werden wieder Tränen der Freude fließen. „Jedes Instrument ist wie ein eigenes Kind, jede Einweihung wie eine Geburt.“ Niemandem in der Kirche ist die Orgel so vertraut wie Knorr und Hoeft: Der eine kennt sie von innen, der andere von außen. Das verbindet. Oft haben sie sich während der Sanierung in Knorrs Mittagspausen auf der Orgelempore getroffen und sich über Gott und die Welt unterhalten. Vor allem aber über Orgeln.

Knorr hat Instrumente in der ganzen Welt gebaut, war viel in Japan und Korea unterwegs. Hoeft sitzt jeden Tag mindestens zwei Stunden an seiner Orgel, spielt Max Reger und immer wieder Bach. Oft verbringt er seine Abende alleine in der Kirche – schließlich strömen tagsüber Touristen in die Kirche, da könne er schlecht „rumprobieren und manche Stellen zehnmal wiederholen“. Über die Jahre habe sich Hoeft so sehr an die Orgel gewöhnt, dass er sie aus „allen Orgeln dieses Planeten“ heraushören könne: „Mit der Nummer sollte ich bei Gottschalk antreten.“

Für Orgelbauer Knorr war sein Einsatz in der Gedächtniskirche einer der letzten großen seines Berufsleben. Im September geht er in den Ruhestand – zumindest offiziell: „Sollte meine Firma mal einen Engpass haben, stehe ich natürlich sofort wieder auf der Matte.“ Außerdem will er sich selbst eine kleine Heimorgel bauen, und wenn die erstmal im Wohnzimmer stehe, müsse er „wohl oder übel doch noch lernen, wie man so ein Ding spielt“.

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