Berlin : Biss in alle Ewigkeit

AUFTRITT DER WOCHE Das Musical „Tanz der Vampire“ kehrt zurück ins Theater des Westens Musicaldarsteller Drew Sarich schlägt als Graf von Krolock seine Hauer in zarte Jungfernhälse

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Braucht Kukident und Maniküre. Drew Sarich als untoter Gruselgraf. Foto: Promo
Braucht Kukident und Maniküre. Drew Sarich als untoter Gruselgraf. Foto: Promo

Endlich, da ist er, der erlösende Biss. Genussvoll und zugleich gequält, weil er sich nicht gegen das hungrige Verlangen wehren kann, schlägt Graf von Krolock seine Zähne in den zarten, blütenweißen Hals des Mädchens. „Wie immer, wenn ich nach dem Leben griff, blieb nichts in meiner Hand“, klagt der Vampir im Lied „Die unstillbare Gier“ und doch ist der Zuschauer weit davon entfernt, Mitleid mit ihm zu empfinden. Das liegt vor allem an Drew Sarich, der im Musical „Tanz der Vampire“, das am heutigen Montag im Theater des Westens vor vielen prominenten Gästen Wiederaufnahme feiert, die Hauptrolle spielt.

„Von Krolocks Einsamkeit zu betonen, seine Tragik, kann zur Falle werden. Er ist kein Verlierer“, sagt Sarich. Der 36-jährige Tenor und gebürtige US-Amerikaner, der nahezu akzentfrei Deutsch spricht, begeistert sich seit seiner Kindheit für Vampire und hat sie schon mehrfach auf Musicalbühnen in Europa und den USA verkörpert. Zuletzt ebenfalls in der Rolle des Grafen von Krolock in Wien. Auch in Berlin ist Sarich kein neues Gesicht. 1999 hat er am Potsdamer Platz den Glöckner von Notre Dame gespielt und im Theater des Westens seine Frau kennengelernt, mit der er heute zusammen mit den gemeinsamen siebenjährigen Zwillingen in Wien lebt. Im Gespräch mit ihm, das vor der Orchesterprobe in der Kantine des Theaters des Westens stattfindet, wird schnell klar: Sarich hat sich viele Gedanken über die blutsaugenden Kreaturen gemacht, um seine eigene Interpretation ihres Schicksals zwischen dem auf ewig unstillbaren Hunger nach dem Leben und der nicht minder starken Sehnsucht nach Erlösung und Endlichkeit. „Vampire sind keine Monster ohne Gefühle, denn sie waren mal Menschen“, sagt der Sänger.

Wie langweilig müsse ihnen doch sein, überlegt er: Abertausende Male haben sie schon erlebt, wie ein Kerl jämmerlich schlotternd um sein Leben fleht oder ein junges Mädchen angst- und lustvoll zugleich seinen Hals den scharfen, spitzen Zähnen entgegenneigt. „Was kann man angesichts dieser ewigen Wiederholungen tun, dass es spannend bleibt?“, fragt sich Sarich. Vampire müssen daher viel Sinn für Humor haben, glaubt er: „Niemand lacht schließlich lauter und schöner als der Teufel.“ Den gleichnamigen Film von Roman Polanski aus dem Jahr 1967, nach dem das 1997 unter Polanskis Regie in Wien uraufgeführte Musical entstanden ist, hat Sarich erst vor einigen Jahren gesehen. „Mir ist der Film etwas zu lustig, zu parodistisch. Im Musical finde ich die Gratwanderung zwischen Grusel und Komik besser gelungen“, meint er.

Zu einer Gesangsdarbietung im Foyer im ersten Stock kommen Sarich und die anderen Hauptdarsteller nicht im Kostüm. Dafür zeigt das etwa 30-köpfige Ensemble bei dem Song „Ewigkeit“ lustvoll seine überlangen Beißerchen und jeder, der schon mal als Kind im Karneval ein Plastikgebiss trug und damit vor sich hin nuschelte, fragt sich, wie es möglich ist, mit diesem Hindernis im Mund auch noch anständig singen zu können.

Im Saal selbst sind die Techniker zu diesem Zeitpunkt mit dem Bühnenaufbau beschäftigt. Da das Musical hier bereits 2006 und 2007 gastierte, weiß das Team recht genau, wie es mit dem im Vergleich zu anderen deutschen Musicalbühnen begrenzten Raum umgehen muss. „Obwohl wir keine Seitenbühnen haben, gibt es eine Dreh- und Wendeltreppe und auch ein sich drehendes Wirtshaus“, sagt der technische Produktionsleiter Clemens Weissenburger. Was es darüber hinaus alles gibt, um eine düster-gruselige Stimmung zu erzeugen, ist an diesem Tag nur zu erahnen: Unter anderem eine Grabwand mit Särgen, zwei Brücken und elf Schnee- und Nebelmaschinen. Von den 800 überlangen Fingernägeln, den zahlreichen Blutbeuteln und von den im Dunkeln unheimlich leuchtenden Vampiren ganz zu schweigen. Eva Kalwa

Theater des Westens, bis 31. August 2012, ab 36 Euro

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