Berlin : Bitte antatschen!

Thomas Loy

Für "Touchscreen" gibt es leider kein entsprechendes Hauptwort im Deutschen. Hierzulande kennt man nur Berührungsängste, und deshalb kommt vieles mit gehöriger Verspätung in Mode. Die BVG war eigentlich schon viel weiter. Es kursierte die Vision elektronischer Chipkarten, die den Fahrpreis beim Ein- und Aussteigen automatisch berechnen und abbuchen. Tolle Sache, aber viel zu abstrakt. Geradezu unheimlich virtuell. Dann nimmt man schon lieber den neuen Touchscreen (sprich Tatschskrien)-Fahrkartenautomat.

Testurteil: gut

Für die Fakten hat BVG-Sprecherin Barbara Mansfield nur ganz wenig Zeit: 241 neue Ticket-Automaten. 532 bis 7. Dezember. 706 bis Juli 2002. 35 Millionen Kosten. Die BVG hat ihre Kunden befragt. Bis 10. Oktober lagen 665 gültige Fragebögen vor. Bewertung: 188 sehr gut, 428 gut, 32 weniger gut, 10 nicht gut, 7 egal. Ist der Bildschirm übersichtlich? 617 sagen Ja, 48 Nein. Verständliche Menüführung? 607 ja, 57 nein. Ist der Ticketverkauf schnell genug? 546 ja, 119 nein.

Zum Thema Newsticker: Aktuelle Meldungen aus Berlin und Brandenburg Kurz zusammengefasst: Die neuen Touchscreen-Ticket-Automaten sind beliebt, und deshalb werden die alten Multitastenkästen gnadenlos ausgemustert. Das Ende der Aktion ist für Juli 2002 geplant. Die Technik funktioniert nach dem Baby-will-haben-Prinzip: Wenn ein Leuchtfeld mit dem Kennzeichen des gewünschten Artikels erscheint, muss der Zeigefinger einfach draufpatschen. Einige fundamentale Probleme sind aber bisher kaum thematisiert worden: Die Hygiene, der trockene Finger und der Mehraufwand für routinierte Einzelfahrscheinlöser. Zur Hygiene erklärt Frau Mansfield, die Touchscreen-Oberfläche werde täglich gereinigt. Dennoch muss die gepflegte private Zeigefingerkuppe mit einigen hundert Talgablagerungen von möglicherweise ungewaschenen Fremdfingerkuppen rechnen.

Wünschenswert wäre eigentlich der Hinweis: Bitte vor Benutzung die Hände waschen, verbunden mit einem kleinen Handwaschbecken an der rechten oder linken Automatenseite. Damit wäre nebenbei auch das Phänomen des trockenen Fingers behoben. Denn darauf reagiert der Mechanismus oft nur unzureichend.

Gänzlich unabweisbar ist schließlich der Zeitverlust für den Schnellkäufer. Statt wie beim herkömmlichen Automaten einmal auf die bekannte Taste oben links zu drücken, muss er nun mindestens dreimal seinen Finger auf die richtige Zone drücken. Da gehen im Ernstfall entscheidende Sekunden flöten. Und doch: Die neuen Automaten sind eine Erleichterung, besonders für Touristen, die bisher mühsam gebeugt das Kleingedruckte an den alten Automaten nach verständlichen Handlungsanweisungen abfingern mussten. Der Touchscreen antwortet ihnen endlich in ihrer Muttersprache.

Leider ist damit auch der Verlust individueller Freiheiten bei der Preisgestaltung verbunden. Für Bob aus Colorado war bisher klar, dass nach dem Long-Distance-Flight von Denver nach Berlin die Strecke vom Zoo bis zum Alex nur als Short-Trip gewertet werden kann, also "Kurzstrecke" drücken. Der neue sechssprachige Automat klärt in diesen Dingen unerbittlich auf.

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