Berlin : Bitte aufmachen

Architekt Stefan Braunfels schlägt vor, beim Schloss-Neubau die umstrittene Ostfassade einfach wegzulassen. So will er nicht nur 100 Millionen Euro einsparen, sondern der Stadt auch einen Prachtboulevard schenken.

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Sein iPad, das er gedankenlos auf dem Rücksitz eines Taxis liegen ließ, hat er nicht zurückbekommen, der Baumeister Stefan Braunfels. Die kraftvollen Bilder seiner Alternative zum von manchen ungeliebten Schloss sind aber nicht verloren und jetzt erst mal in der Welt. Viel zu spät kommen sie, der Grundstein ist gelegt und die Kellermauern wachsen aus der Baugrube. Aber der PR-Coup, dem ein bemerkenswerter städtebaulicher Entwurf zugrunde liegt, verstärkt das Unbehagen, das mit Franco Stellas Entwurf verbunden ist: Dieser ist nicht von den Bezügen zur bestehenden Stadt heraus entwickelt, sondern als historisierendes Bauwerk. Ein „Ufo“ nennen es viele deshalb, notgelandet an einer Leerstelle der Stadt.

Ganz beiläufig kann er ganz schön boshaft sein, der ganz in Schwarz gekleidete Baumeister: Ja, in Italien gebe es viele Fassaden wie die Ostfassade des Schlosses von Franco Stella: „auf den Friedhöfen – da werden Urnen reingestellt“. Die modernistische Tristesse der vierten, zum Fernsehturm und Rathaus gehenden Rückseite des Schlosses fiel auch den Bauherren auf, der Schlossarchitekt hat seinen Entwurf überarbeitet. Ist nun alles gut?

Nein, meint Braunfels und macht aus weniger mehr. Er lässt die Ostfassade einfach weg und verwandelt mit diesem Kunstgriff den Innenhof in einen Stadtplatz: drei schlütersche Barockfassaden geöffnet, mitten in der Stadt. Zum Blickfang wird der U-förmige Bau dadurch von Fernsehturm und Rotem Rathaus aus, die der Architekt durch einen Grünstreifen an das Schloss anbindet. Eine Flaniermeile wie Unter den Linden schwebt ihm vor. Und eine Kulisse, die dem Schloss einen zweiten Vorplatz verschafft.

100 Millionen Euro weniger würde das Schloss kosten, wenn der modernistische Riegel wegbliebe – sagt Braunfels, der ohnehin eine Explosion der Baukosten für das Schloss voraussagt, auf eine Milliarde statt der angekündigten 590 Millionen Euro. Das traurige Schicksal öffentlicher Bauten eben. Aber dann sagt Braunfels auch, dass „das Kostenargument vielleicht das Unwichtigste ist“ – und dass er es vor allem gebracht habe, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Sagt man so etwas? Überzeugungstäter wie Braunfels, höchstens. Er ist davon überzeugt, dass es um die Stadt gehen muss und nicht um „autistische Einzelbauten“, wie sie typisch in der „Moderne“ seien. „Für uns alle ist aber der öffentliche Raum wichtiger als das Gebäude selbst.“ So gesehen sind Hausfassaden die Innenwände von Plätzen, Straßen, ja des öffentlichen Raums überhaupt. In diesem Sinne ließe die Öffnung des Schlüterhofes nach Osten eine der schönsten in Deutschland entstandenen barocken Fassaden im öffentlichen Raum aufblitzen – „und jeder würde sofort das Schloss kapieren“.

Die Blaupause seines Entwurfs, der also weniger eine architektonische als ein städtebauliche Vision ist, sind die Champs-Elysées, der Prachtboulevard von Paris, der seine Existenz einem Unglücksfall verdankt. Erst seitdem das „Tuilerien-Schloss“, ein Flügel des Louvres, abgebrannt war und eben nicht rekonstruiert wurde, öffnet sich die frühere königliche Trutzburg auf die Stadt und schafft ein Blickachse, die über den Triumphbogen heute bis zum Hochhausviertel „La Défense“ reicht.

In kleinerem Maßstab entstünde mit dem Braunfels’schen Vorschlag ein ähnlicher Anziehungspunkt, der ganz beiläufig auch noch das Problem lösen würde, wie mit Marx-Engels- und Rathaus-Forum umzugehen ist. Eine plumpe historisierende Wiedererstellung früherer Blöcke wäre ausgeschlossen, weil der neue Boulevard quer über dem alten Stadtgrundriss verliefe, um das Schloss mit dem Fernsehturm zu verbinden. Am Rand dieser Achse könnten neue Blöcke geschaffen werden, auch entlang der Querstraßen, die vom Boulevard in bestehende Quartiere hineinführen. Das wäre „der tiefere Sinn“, wie Braunfels sagt, der den „Wiederaufbau der Schlüter’schen Fassaden rechtfertigen würde“.

Bleibt noch die Frage, warum er ausgerechnet jetzt damit kommt, wo es längst zu spät ist? „Ich bin ein Wiederkäuer“, sagt er, „damit beschäftige ich mich seit 20 Jahren, wie mit vielen städtebaulichen Themen“. Und zum Beweis händigt er die erste Veröffentlichung dieser Idee aus: in der Sonnabend-Ausgabe des Tagesspiegels vom 14. Dezember 1996.

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