Berlin : Bitte nicht schießen

Der SPD-Landtagsabgeordnete und Bauernpräsident Udo Folgart fordert, in Brandenburg Kraniche zu erlegen. Doch er stößt selbst beim Koalitionspartner auf Entsetzen. Experten sagen, dass die Vögel den Bauern wirtschaftlich sogar nützen.

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Potsdam - Erst Biber, Kormoran und Wolf – jetzt soll in Brandenburg auch noch der ebenfalls streng geschützte Kranich aufs Korn genommen werden. Das zumindest fordert der SPD-Landtagsabgeordnete und Präsident des brandenburgischen Landesbauernverbandes Udo Folgart. In einem Interview mit dem RBB vergangene Woche beklagte Folgart finanzielle Verluste in der Landwirtschaft durch die Kraniche, die jeden Herbst zu Hunderttausenden auf ihrem Zug in den Süden in Brandenburg haltmachen, um sich für die anstrengende Weiterreise in wärmere Gefilde zu stärken.

Während der Zwischenstopp längst eine Tourismusattraktion ist, fordert Folgart wie für Wolf und Biber einen Managementplan, um des „Problems Kranich“ Herr zu werden. „Ein Abschuss wäre durchaus ein Ansatz, über den man nachdenken kann“, sagte der SPD-Agrarexperte. Nicht nur Tierschützer sind entsetzt. Auch beim Regierungspartner Linkspartei schüttelt man den Kopf. „Um Gottes willen. Das geht auf jeden Fall zu weit“, findet etwa der landwirtschaftspolitische Sprecher der Linken, Michael-Egidius Luthardt.

Einzelne Bauern, deren Flächen nahe den von den Kranichen bevorzugten Landeplätzen wie im Rhin-Havel-Luch (Ostprignitz-Ruppin) oder rund um Angermünde (Uckermark) liegen, berichten von jährlichen Ausfällen in Höhe von bis zu 5000 Euro durch den Appetit der imposanten Vögel. Dabei sollen sich die Kraniche auch in den noch nicht abgeernteten Maisbeständen zu schaffen machen und sich an den Kolben gütlich tun.

Naturschützer allerdings bezweifeln das. Dass Kraniche möglicherweise am Rande der Felder gelegentlich auch an Maiskolben knabbern, sei zwar durchaus denkbar, sagt Katharina Weinberg, Geschäftsführerin des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) in Brandenburg. Aber Weinberg wirft den Landwirten und Tierhaltern vor, längst die Verhältnismäßigkeit bei ihren Forderungen aus den Augen verloren zu haben. „Bauern wirtschaften in und mit der Natur. Dazu gehört auch, mit den natürlichen Gegebenheiten wie Wetter und Wildschäden umzugehen. Nicht für alle Tierarten kann ein Managementplan aufgelegt werden“, sagt die NABU-Chefin. Ein Abschuss der Kraniche sei aus Sicht des NABU ein völlig abwegiges Ansinnen, sagte Weinberg.

Den landesweiten Schaden durch den Kranich kann Folgart indes nicht beziffern. „Die Frage muss immer punktuell geklärt werden“, sagte der Bauernpräsident. Dort, wo die Tiere in größerer Zahl Rast machen, könne es aber durchaus zu Totalausfällen führen.

Das bestätigt auch Reinhard Jung, Geschäftsführer vom Bauernbund Brandenburg, der im Gegensatz zum Landesbauernbund vor allem landwirtschaftliche Familienbetriebe und weniger große Agrargenossenschaften vertritt. Doch einen Abschuss der Kraniche hält er nicht für nötig. Sie zu verscheuchen oder, wie es fachlich korrekt heißt, zu vergrämen, reiche völlig aus. Dass die Vögel auch im stehenden Mais fressen, sei ihm jedoch nicht bekannt. Vielmehr verweisen Experten auf Studien, die nachweisen, dass der Hunger der Zugvögel sogar einen wirtschaftlichen Mehrwert mit sich bringt. Weil die Kraniche und Gänse bevorzugt die sprießenden Jungtriebe abbeißen, bildet das Korn mehrere Halme aus, die später Ähren tragen. In der Landwirtschaft ist der Vorgang als Stocken bekannt. Zudem wirke der Kot der Zugvögel als wertvoller Dünger, heißt es.

Erst vor kurzem hatte sich Verbandspräsident Folgart erfolgreich für eine Erlaubnis starkgemacht, Biber in Brandenburg zu schießen. Immer wieder hatten in der Vergangenheit Landwirte und Fischer beklagt, die Biber würden sich unter anderem auch in Deiche graben, diese dadurch zerstören und somit Äcker und Teichwirtschaften unter Wasser setzen. Ebenfalls vor wenigen Wochen wurden auf Druck des Fischereiverbandes, dem Folgart zumindest nahesteht, Einschränkungen beim Abschuss der einst vom Aussterben bedrohten Kormorane abgewendet. Der Wolf, der sich seit Anfang der Neunzigerjahre wieder in Brandenburg ausbreitet, ist den Bauern ebenfalls ein Dorn im Auge. Weil die Raubtiere gelegentlich auch Nutztiere wie Schafe und Ziegen reißen, fordern die Landwirte, den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen – bislang erfolglos.

Linken-Agrarexperte Luthardt hält Folgarts Vorschlag, notfalls Kraniche abzuschießen, für kontraproduktiv. Punktuelle Ausgleichszahlungen dagegen könne er sich vorstellen. „Ein ähnliches Modell wie das für den Kormoran ist mit uns nicht zu machen“, stellt Luthardt klar. Und selbst Brandenburgs FDP-Chef Gregor Beyer, der sowohl beim Wolf und Biber als auch beim Kormoran bisher immer zugunsten der angeblich Geschädigten argumentierte, sieht „momentan bei aller Liebe keine Notwendigkeit, einzugreifen.“

Der Umweltexperte der Grünen-Fraktion im Landtag, Michael Jungclaus, dagegen hält den Bauern vor, für Schäden, wie sie der Kranich verursacht, schon ausreichend entschädigt zu werden. „Auch Brandenburger Landwirte erhalten bereits jetzt in erheblichem Umfang öffentliche Gelder im Rahmen von EU-Direktzahlungen, die an die Einhaltung von Vogelschutzregelungen gebunden sind. Eine Tötung von Kranichen ist hierbei tabu. Dieser Verpflichtung müssen die Landwirte nachkommen, eine doppelte Förderung halte ich für vollkommen überzogen“, sagt Jungclaus. Fraktionschef Axel Vogel warnt zudem vor negativen Folgen für die hiesige Tourismuswirtschaft. „Anscheinend will man mit Wildtieren nicht mehr leben und ist bereit, dem Naturtourismus in Brandenburg die Grundlage zu entziehen.“

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