Berlin : Bittersüße Lieder

Philipp Lichterbeck

Die aus Mexiko stammende Sopranistin Erika Rojo schließt die Augen, senkt den Kopf, fasst sich mit den Händen an die Brust über dem Herzen; dann hebt sie entschieden den Blick gen Scheinwerferhimmel, öffnet in einer großzügigen Geste die Arme und gibt endlich ihre Stimme frei, die sich wie warmer Regen ins Bellevue ergießt, den Zuschauerraum zu füllen beginnt, ihn flutet und am Ende zu sprengen droht, denn für solch ein Stimmvolumen ist die Kleinkunstbühne nicht ausgelegt. In Mexiko-City klassisch ausgebildet, hat Erika Rojo nach zahlreichen Engagements in New York nun in Berlin das mexikanische Kunstlied für sich entdeckt. Besonders konzentriert sie sich dabei auf die zu Beginn des Jahrhunderts geschriebenen Kompositionen ihrer Kompatriotin Maria Grever. In denen geht es um die Liebe und sonst nichts: enttäuschte Liebe, verratene Liebe und solche, die einfach vergeht. Doch während man die mal heiteren, mal bittersüßen Chansons auf Deutsch wohl nicht mehr ohne Augenzwinkern und das obligatorische Camp-Publikum vortragen könnte, liegt die Ironielatte im Spanischen um einiges höher. Am Flügel souverän unauffällig begleitet von Jana Turnau dramatisiert Erika Rojo die Lieder der Grever, leidet mit ihr und entfaltet dabei einen überwältigenden, vom farbenreichtum und der Klarheit ihrer Stimme getragenen Charme. "Ya no me quieres" - jetzt liebst du mich nicht mehr, klagt Erika Rojo. Doch das ist nicht wahr. Das Publikum klebt an ihren schönen Lippen, lässt sich verzaubern und spendet am Ende des kleinen Konzertes warmen Beifall, der hinaus fliegt in die süsse Nacht, wo er den umherirrenden Seelen der vergeblich Liebenden Trost spendet. "Jurame que no me olvides" - versprich, dass du mich nicht vergessen wirst. Jurado, Erika.

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