Berlin : Blanke Pokale und so manche Blessuren

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Ihr Telefon wird heute vergebens klingeln. Das Geburtstagskind ist ausgeflogen. Irgendwo auf einer kleinen Insel bei Vancouver feiert Heidi Hetzer heute ihren 65. Geburtstag – Opel hat seine prominente Autoverkäuferin nach Kanada eingeladen. Fünfundsechzig – so richtig weiß die auf internationalen Rallye-Strecken dauerbraungebrannte, sportlich-schlanke Frau mit dem kurzen Haarschopf damit nichts anzufangen, und ans Aufhören denkt sie sowieso nicht. „Nur wegen der Zahl, das sehe ich nicht ein“, sagte die Unternehmerin jüngst in ihrem Büro in der Knobelsdorffstraße 63.

In dem großen Raum mit Blick zur Epiphanienkirche hortet sie die Trophäen ihres Hobbys: Pokale und Plaketten von Autorennen in aller Welt. Fotos zeigen sie in ihrem liebsten Outfit, der Rennfahrerkluft. Auf einem Bild scheint sie mit dem Auto zu fliegen – meterhoch schwebt sie staubumhüllt über die Piste ihres größten Rennerlebnisses – der „Carrera Paricana“ 1994 in Mexiko. „Eine Woche fahren und braten“ brachte ihr damals den 3. Platz ein.

Ihr erstes Rennen war weniger erfolgreich. Mit einem Motorroller Lambretta fuhr sie 1953 „Rund um die Müggelberge“ – und wurde disqualifiziert. „Unterwegs hatte ich mir einen Schnürsenkel geborgt, um die Benzinleitung zu reparieren. Das hatte einer beobachtet – fremde Hilfe war verboten“, erinnert sich die Charlottenburgerin. Rallye fahren will die gelernte Kfz–Mechanikerin, „so lange ich noch im ersten Drittel lande“. Mit ihrem 28er Invictar, dem neuesten Prunkstück in ihrem „Rennstall“ von 23 Oldtimern, gelang das erst jüngst bei der „Mille Miglia“ – dem legendären Rennen von Brescia nach Rom und zurück.

Ihre „rasende Leidenschaft“ brachte der Autofanatikerin außer Preisen aber auch so manche Blessuren ein. Als junges Ding stürzte sie sich mit dem Motorrad „grün und blau“, später auch mal mit dem Auto - 1994 verunglückte sie schwer auf dem Schleizer Dreieck. „Ich hatte ein fantastisches Leben“, sagt Heidi Hetzer trotzdem über die vergangenen 65 Jahre. „Die Mischung war das Tolle, das habe ich gut hingekriegt.“ Außer in dem Jahr, wo sie nur Hausfrau war - das hat ihr gereicht. Die „tolle Mischung“ – das war der Vollzeitjob in der väterlichen Firma , die sie 1970 übernahm, der Haushalt mit zwei Kindern und ihre Autorennen. Die waren immer auch ihr Urlaub - anderen kennt sie kaum. „Vor acht Jahren war ich mal eine Woche mit meiner Tochter zum Tiefseetauchen.“

Die 33-jährige Marla hat den Hetzerschen Autovirus – in Steglitz leitet die studierte Politologin eine Opel-Filiale. Ihr Bruder Dylan hat gerade sein altes Kinderzimmer in der Leibnizstraße wieder bezogen. Der 30-jährige Ingenieur will sich nach zwölf Jahren San Francisco in Berlin orientieren. „Vielleicht entwickelt er das Brennstoffzellenauto“, träumt seine Mutter, dass der Computerfreak nicht ganz aus der Hetzerschen Autoart fällt. Damit hatte auch ihr Ehemann nicht viel am Hut – Golf war die Leidenschaft des Amerikaners, von dem sie sich zu dessen Erstaunen nach 24 Ehejahren trennte.

Den „Rest“ will Heidi Hetzer auch hinkriegen – jede Minute nutzen und noch intensiver leben. Erst mal bis 81, „weil ich den 80. feiern will“. Feiern will sie im nächsten Jahr. Da will das Geburtstagskind es im „Adagio“ krachen lassen – denn „mit 66 Jahren fängt das Leben an“. Heidemarie Mazuhn

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