Berlin : Blau gewinnt

Sommer in Berlin: Mittags füllen sich die Lokale und die Bäder sind voll – wer entspannt sich denn da?

Kolja Reichert

Lisa, die heute eigentlich Theorie-Vorlesung an der Schauspielschule Stuttgart hätte, hat eine Postkarte gefunden, die sie ihrem Professor schicken wird. Die Aufnahme vorne zeigt die bröckelnden blauen Lettern eines Kaffeehaus-Schilds: „Leben“. Auf der Rückseite wird Lisa vom Blaumachen unterm blauen Himmel Berlins erzählen. Sie besucht ihre beste Freundin, die am Schlesischen Tor wohnt, in dem Viertel Berlins, hinter dessen bröckelnden Fassaden das so genannte Szene-Leben gerade am meisten brummt. „Wir gehen jetzt Eis essen“, erzählen die Schönheiten in Blumenkleidern, „dann holen wir uns vegetarische Currywurst. Und dann gucken wir ,Außer Atem’ von Godard“.

Außer Atem ist hier am strahlenden Montagnachmittag niemand. Vor Cafés und Pizzerien sitzen sie auf Bierbänken in der Sonne, die Studenten, die Medienmacher, die Arbeitslosen.

„Wir verkiffen hier unser Hartz IV- Geld“, verkünden die Freunde von Peter, die sich vor dem Café „Fabrik“ in der Schlesischen Straße niedergelassen haben. Peter, 50, zeigt sein Skizzenbuch, in das er mit Filzstift abstrakte Stadt- und Gesichtslandschaften zeichnet. „Ich lebe ganz gut davon“, erklärt er, „lauf’ rum mit meiner Mappe und zeige die Bilder. Viele verschenke ich auch.“ Er gibt seinem Hund Beck’s einen liebevollen Klaps.

Am anderen Ende des Tisches sitzt Toni. Sie unterstützt einen Bastler, der in seiner Werkstatt in der Nähe der Arena Miniatur-Dampfmaschinen baut. „Spielzeug für Erwachsene.“ So was gibt’s noch? „Ja, wir haben Kunden auf der ganzen Welt, auch Ärzte und Professoren.“ Sie kümmert sich nicht so sehr um die Technik, „ich find’s ganz nett, wenn’s funktioniert.“ Gerade ist Toni allerdings „Out of order“: Sie hat sich die Hand gebrochen und kann nicht an der Drehmaschine stehen. „Aber gerade ist eh ein bisschen Sommerloch.“

Curt und Sören machen Mittag beim Dönerladen am U-Bahnhof. Sie arbeiten für das Plattenlabel V2, das vor zwei Jahren ans Schlesische Tor gezogen ist. „Wir haben nicht immer so schön Zeit für die Mittagspause“, erzählt Curt, „Unsere Arbeit ist nicht immer ,nine to five’.“ Sören wird sich den Rest des Nachmittags über der Tour-Planung einer Schwedenrockband widmen, Curt wird an einem Marketingplan für sein Label-Netzwerk arbeiten. Sehr gestresst sehen sie aber nicht aus.

Im Freischwimmer, dem Restaurant am Flutgraben, herrscht auch Gemütlichkeit. „Meistens wird es gegen acht richtig voll hier“, erzählt Kellner Fabian. Noch ist nur die Hälfte der Tische besetzt. Es wird vorwiegend Englisch gesprochen. Katie und Amaya aus Scarborough haben gerade ihren College-Abschluss hinter sich und „reisen, um Europa zu sehen. In Berlin fangen wir an.“ Ihre Zimmerkollegen im Hostel schnarchen, klagen sie. Ein Grund mehr, die Nächte durchzufeiern.

Ein paar Tische weiter sitzt die Dänin und Wahlberlinerin Maren, gegenüber Kristina aus Schweden, für die sie eine Ausstellung in Prenzlauer Berg organisiert hat. „Wir haben gerade nichts zu tun und genießen unsere Freizeit“, lächelt Maren. Jogi und Damjan hätten was zu tun, wussten sich aber zu helfen. Die Studenten haben sich heute gegen die Vorlesung und für das Badeschiff entschieden. „Es ist ganz schön voll hier.“ Haben die Ferien schon begonnen? Jedenfalls für die Lehrerinnen Susanne und Ina. Sie müssen keine Zeugnisse schreiben und feiern schon jetzt. „Wir haben gerade auf dem Schulfest gegen unsere Schüler Volleyball gespielt, jetzt treffen wir hier Kolleginnen, dann gehen wir weiter zum Oststrand und treffen noch mehr Kolleginnen.“ Schöne Ferien, Berlin!

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