''Blau machen'' : Verlängerte Ferien

Rund um Anfang und Ende der Sommerferien erfinden Eltern alle möglichen Gründe, um von den Schulen eine Unterrichtsbefreiung zu erwirken. Allein in Neukölln wurden deshalb bereits 20 Bußgelder verhängt. Zahlreiche Ärzte unterstützen die Praxis noch mit Gefälligkeitsattesten.

Susanne Vieth-Entus

Rund um Anfang und Ende der Sommerferien beobachten die Schulen immer wieder merkwürdige Phänomene. Da sterben massenweise Großmütter, da wird wie verrückt geheiratet oder gesunde Kinder sind plötzlich akut krank. Die Ursache für die angebliche Häufung ist allerdings nicht klimatischer, sondern rein monetärer Natur: Die Flüge zu den Urlaubsorten sind vor und nach den Schulferien viel billiger als mittendrin. Deshalb erfinden die Eltern alle möglichen Gründe, um von den Schulen eine Unterrichtsbefreiung zu erwirken. Sie können allerdings nicht davon ausgehen, dass sich das alle Schulen gefallen lassen.

„Wir haben gerade in 20 Fällen Bußgelder in Höhe von je 150 Euro verhängt“, berichtet Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Sein Bezirk ist dafür bekannt, das Schwänzen generell nicht einfach durchgehen zu lassen. Bei den „verlängerten“ Ferien macht er da keine Ausnahme.

Das urlaubsbedingte Schwänzen ist ein spezielles Problem, weil es im Einvernehmen mit den Eltern geschieht. Sie lassen sich einiges einfallen, um ein paar hundert Euro sparen zu können. An den Schulen ist das bekannt. Deshalb werden mitunter ärztliche Atteste gefordert, wenn die Eltern eine Erkrankung als Grund für das Schulversäumnis angeben. Und sie haken auch nach, wenn ihnen die Atteste unglaubwürdig erscheinen. In offensichtlichen Fällen schalten sie inzwischen sogar die Ärztekammer ein, um dort auf willfährige Mediziner aufmerksam zu machen.

„Allein im vergangenen Jahr gab es bei uns rund 20 Beschwerden von Schulen über Gefälligkeitsatteste für Schüler“, bestätigt der Sprecher der Ärztekammer, Sascha Rudat. Die Kammer sei dem nachgegangen. „Wir haben die Ärzte darauf hingewiesen, dass das nicht geht.“ Bei den vermuteten Gefälligkeitsattesten ging es allerdings nicht nur um die Verlängerung der Ferien, sondern auch die Befreiung muslimischer Schülerinnen vom Sport- oder Schwimmunterricht.

Aber nicht alle Schulen gehen unglaubwürdigen Attesten oder falschen Entschuldigungen nach. „Wenn die Eltern wenig Geld haben, kann man doch verstehen, das sie beim Flug sparen wollen“, heißt es aus einer Wilmersdorfer Oberschule. Er könne mit dieser „Verständniskultur“ nichts anfangen, hält Neuköllns Bildungsstadtrat Schimmang dagegen.

Nicht nur Neuköllner Schulen haben sich für eine harte Linie entscheiden. „Wir sind seit einigen Jahren konsequent“, berichtet auch Dorothea Madera, Konrektorin der Kreuzberger Fichtelgebirge-Grundschule. Beim ersten Mal komme man den Eltern entgegen, „dann aber nicht mehr“. Die Eltern hätten das offenbar begriffen, denn dieses Jahr sei bislang kein Bußgeld fällig gewesen.

Dass nicht nur Berliner Eltern salopp mit den Ferienterminen umgehen, zeigt das Beispiel Nürnberg. Dort hatte die Flughafenpolizei rund 100 Schulschwänzer bei ihrer Rückkehr aus Urlaubsländern ermittelt. Darunter sei auch ein deutsches Lehrerehepaar mit Kindern gewesen, erklärte Bayerns Innenministerium. Es geht überdies von einer „sehr großen Dunkelziffer“ aus. Die Flieger aus EU-Ländern wie Spanien würden wegen des Schengen-Abkommens ja gar nicht kontrolliert.

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