Berlin : Blau-weiß-rote Harmonie

Die Bayern stießen aufs Oktoberfest an, Klaus Wowereit lud ins Rote Rathaus – und viele Gäste pendelten

-

Ein Hochseil bildete gewissermaßen die symbolische Brücke zwischen dem Hoffest des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) und dem Berliner Auftakt des Münchener Oktoberfestes, das die bayerische Landesvertretung gleich gegenüber vom Roten Rathaus feierte. Von Bierkrieg aber keine Spur. Die terminliche Übereinstimmung war beabsichtigt, denn die räumliche Nähe machte das in Berlin notorisch notwendige Fetenhüpfen einfach. Vorausgesetzt man hatte für die Bayern das blaue und für die Berliner das rote Bändchen am Handgelenk.

Im Schutzgeleit von Trachtlerinnen und Trachtlern in langen Dirndln und kurzen Lederhosen schritten Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und seine Frau Karin gemeinsam mit Wowereit ins Bierzelt. Zuvor war ein Hochseilartist vom Circus Krone in 30 Metern Höhe ohne Netz über das Seil balanciert. André Schmitz, Chef der Senatskanzlei, umklammerte bei diesem Anblick vorsichtshalber eine LöwenbräuLaterne, die Länderchefs hielten sich einträchtig an Lebkuchenherzen fest. Die Goaßlschnalzer (Peitschenknaller) und Plattler wurden von alteingesessenen Berlinern wie Hermann Simon, Chef des Zentrums Judaicum, mit einiger Neugier betrachtet: „Ist doch alles etwas fremd.“

War aber auch harmonisch: „Nichts ist so heiß wie die heimliche Liebe zwischen Bayern und Preuß’“ witzelte der Gastgeber und bayerische Staatsminister Erwin Huber (CSU). Und Stoiber wünschte, nachdem er mit Wowereit zünftig angestoßen hatte, „dass Sie nach Hause gehen und sagen, es ist schön, mal wieder in Berlin in Bayern gewesen zu sein.“

Kein Wunder also, dass der Regierende gegen 18.30 Uhr gut gelaunt und entspannt auf „sein“ Hoffest im Roten Rathaus kam, zu dem rund 3800 Gäste erwartet wurden. Das Feiern begann sehr ruhig, die Gewölbe des Roten Rathauses boten ausreichend Platz zum Flanieren. Dabei traf man dann unter anderem die Schauspieler Vadim Glowna, Claus Theo Gärtner und Wolfgang Völz, Friseur Udo Walz und viele prominente Vertreter aus Wirtschaft und Politik.

Auf drei Bühnen gab es ein buntes Unterhaltungsprogramm mit Musik, Gesang und Artistik. Wowereit wünschte den Gästen bei seiner Eröffnungsrede ein schönes Fest: „Ich freue mich, dass in anstrengenden Zeiten einige es schaffen, den Wahlkampf oder Wahlkrampf zu vergessen.“ Das Fest sei auch für viele Ehrenamtliche gedacht und er habe gern dem Wunsch der bayerischen Landesregierung entsprochen, es zeitgleich mit der Eröffnung des Oktoberfestes abzuhalten. „Der Stoiber“, sagte Wowereit, werde schon merken, dass „die Berliner nicht frustriert sind. Die können tatsächlich lachen.“

Und während drüben bei den Bayern ein 460-Kilo-Ochse namens Franz am Spieß gebraten wurde und Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) bei ihrer Ankunft im Gegensatz zu Edmund Stoiber viel Beifall erhielt, gab es beim Rathausfest eine Gesprächspaarung, der man gerne gelauscht hätte: der Grünen-Politiker Rezzo Schlauch in der Debatte mit Autor Wolfgang Menge. Was die beiden wohl miteinander zu bereden hatten? Es dürfte um Politik gegangen sein, wie sich viele Gespräche an diesem Abend in der direkten Umgebung des Rathauses um Politik drehten. Finanzminister Hans Eichel (SPD) hatte erstaunlich viel Zeit und Berlins CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer gewann eine Ausfahrt mit der Stern- und Kreisschifffahrt bei einem Quiz. Zimmer kannte den Titel des berühmten Berlin-Romans von Alfred Döblin, gab aber zu, „Berlin Alexanderplatz“ nie ganz gelesen zu haben. bi, ha, sib, wvb.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben