Berlin : Bleiben Sie dran!

Rundfunkgottesdienst in der evangelischen Jesus-Christus-Kirche in Dahlem

Gunda Bartels

Mit weit ausgebreiteten Armen segnet der Bronze-Heiland am Giebel der Jesus-Christus-Kirche die hereintröpfelnde Gemeinde und – einen Übertragungswagen, der vor der Backsteinkirche steht. Heute ist Rundfunkgottesdienst und der geht schon um 9.45 Uhr los. Über eine Stunde früher als in der Hittorfstraße sonst üblich. Für die allermeisten der 7000 Dahlemer Gemeindemitglieder offensichtlich eine zu große Herausforderung. In den 30er Jahren brannte hier in der Gemeinde von Pfarrer Martin Niemöller ein mächtiges Glaubensfeuer, jetzt liegen die Villen ringsumher still und stumm.

Nun aber hinein, denn Zuspätkommende müssen im Foyer bleiben, steht auf dem Anschlag an der Tür. Ein Rundfunkgottesdienst hat seine Besonderheiten, sagt der smarte Pfarrer Oliver Dekara und gibt der Gemeinde ein paar erläuternde Regieanweisungen, bevor Streicher und Orgel mit Mozarts Kirchensonate loslegen. „Macht nicht zu, verschließt eure Herzen nicht vor Gottes Wort. Schaltet nicht ab!“, begrüßt der Pfarrer die Radiohörer.

Auf diese Weise unsichtbar verstärkt, feiern die 40 in den Bänken einen flotten Gottesdienst, in dem es mit Gebet, Lesung, Liedern, Predigt, Glaubensbekenntnis und Mozart-Musik immer zügig Schlag auf Schlag geht. Radiotauglich eben. „Das ist das Dilemma“, sagt Pfarrer Dekara hinterher, „dass die Gemeinde eine ganz andere Ansprechhaltung mit viel mehr Pausen brauchen als die Radiohörer draußen.“ Die haben bestimmt die wunderschöne Musik genossen, denn die Akustik der Jesus-Christus-Kirche ist seit Furtwänglers und Karajans Tagen berühmt. Laufend spielen Orchester CDs in der 1931 geweihten hellen und hohen Kirche ein.

Nicht ganz so eingängig ist die Predigt über eine Passage aus dem Korintherbrief, in der sich der Apostel Paulus als eine Art Büttenredner gegen Anfeindungen der Gemeinde wehrt. Ironisch stellt er seine Schwächen dar und hält den selbstgerechten Korinthern mit dieser Narrenpredigt einen Spiegel vor. Nur wer diesen Humor des Glaubens hat, kann der Gnade Gottes begegnen, meint Pfarrer Dekara und fügt Stichworte wie Karneval, Kritik, Loriot und Hofnarren zu einer ambitionierten Argumentation zusammen. Hängen bleibt, dass Christen zu ironischer Selbstbetrachtung aufgerufen sind. Dass Lachen auch ein Denken ist. Und dass es Pfarrer mit Clownsausbildung gibt. Die wären doch mal was für einen Rundfunkgottesdienst.

Gottesdienst im Radio: Sonntags 10 Uhr rbb-Kulturradio und 10.05 Uhr Deutschlandfunk

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