Blick in die Geschichte : Der Gründung der Alternativen Liste

Sponti-Träume in der Mauerstadt: Am 5. Oktober 1978 tagte die Gründungsversammlung der AL am Rande der Hasenheide.

Sabine Beikler

1978: Öko-Bäckereien, Genossenschaften in den Hinterhöfen, Kiezgruppen und unzählige Bürgerinitiativen arbeiten verstreut in der ganzen Stadt. West-Berlin, das ist der Inbegriff für ein Lebensgefühl, gegen alte gesellschaftliche Normen aufbegehrt. Spontis und Autonome versammeln sich in Berlin beim „Tunix-Kongress“ und diskutieren, ob das gesellschaftliche Aussteigen sinnvoll ist, in Gorleben beginnt das zweite Sommercamp gegen das Atommülllager und in der TU Berlin stellen sich die Zeitungsprojekte „Die Neue“ und „Taz“ vor. Es ist die Zeit der Anti-Atomkraft-Demonstrationen, der Frauenbewegung, der Netzwerke und Bürgerinitiativen. Keine direkte Fortsetzung der 68er Bewegung, eher ein Kontrapunkt. Groß ist die Unzufriedenheit mit der „herrschenden Politik“. Auf Bundesebene sind Umweltgruppen, Anti-AKW-Initiativen aktiv. In West-Berlin regiert Rot-Gelb unter dem Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe. Die Abgeordnetenhauswahlen 1979 nahen.

Vielen politisch Aktiven in der Szene ist klar, dass sie nur mit einem Bündnis auf politisches Gehör stoßen werden: Monatelang wird über das Wie diskutiert, bis sich am 5. Oktober 3500 Bürgerinitiativler, linke Gewerkschafter, Spontis und K-Gruppen-Aktivisten abends in der Neuen Welt am Rande der Hasenheide versammeln. Das ist die Geburtsstunde der „Alternativen Liste – Für Demokratie und Umweltschutz“. Gedacht ist die AL als lockeres Bündnis zur Abgeordnetenhauswahl, ohne Vorstand, ohne Vorsitzende, ohne Hierarchie, ohne Bezahlung.

Die Diskussion am Gründungsabend verläuft hitzig. Um den Einfluss dogmatischer K-Gruppen zu verhindern, beschließen die Gründungsmitglieder: „Parteien oder parteiähnliche Gruppen (z.B. KB, SB, KBW, KPD, PKPD/ML) als solche können nicht Träger oder Mitglied der Alternativen Liste sein.“ Einem Anwalt geht diese Erklärung nicht weit genug: Otto Schily verlässt den Saal. Ein anderer Berufskollege bleibt: Christian Ströbele. Schilys Ärger dauert jedoch nicht lange: Zwei Jahre später tritt er als Kandidat im bürgerlichen Zehlendorf an.

Anfangs zählt die AL nur etwa 300 Mitglieder. Schon wenige Monate später schafft sie bei den Abgeordnetenhauswahlen 1979 in vier Bezirken den Sprung in die Bezirksverordnetenversammlungen. Mit 3,7 Prozent bleibt ihr der Weg ins Parlament zunächst versperrt. Doch zwei Jahre später, nach dem Sturz des Stobbe-Senats, ziehen die „Igel“, wie sie sich selbst kratzbürstig nennen, mit 7,2 Prozent ins Abgeordnetenhaus ein.

Viele sehen die AL in der Gründungsphase als Einpunkt-Partei. Alt-Parteien sprechen ihr die Politikfähigkeit ab, der damalige SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel warnt die AL schelmisch vor ihrer „Verparlamentarisierung“. Doch davor wappnet sich die AL auf ihre Weise: strikte Trennung von Amt und Mandat, Zwei-Jahres-Rotation mit einem Verbot des Hineinrotierens in andere Ämter, Einheitslohn für alle Mandatsträger und Mitarbeiter sowie Basisdemokratie. Grünen-Politiker Wolfgang Wieland sagt heute, dass die „Mehrfachsicherungen“ gegen das Berufs-Politikertum und gegen das Abheben der Spitze von der Basis in Form von Mitgliederversammlungen in der einen oder anderen Form sehr übertrieben wurden. Von den „Instrumenten zur Bodenhaftung“ sind heute nur noch die Quote für Neumitglieder bei der Listenaufstellung und die Trennung von Amt und Mandat auf Landesebene geblieben.

Die viel beschworene Regierungsunfähigkeit der AL ist nicht von Dauer: 1989 übernimmt die AL unter Rot-Grün für eineinhalb Jahre die Regierungsverantwortung, und 2001 darf sie nach dem Scheitern der großen Koalition in der rot-grünen Übergangsregierung auch noch einmal kurz mitregieren. Besonders in den achtziger Jahren lernt die AL dazu: Vom anfänglichen Dogmatismus distanziert sie sich schnell und zeigt sich sogar vereinigungsfähig. Nach der Verschmelzung mit jenem Teil der DDR-Bürgerbewegung, der unter „Bündnis 90“ firmierte, werden 1992 aus der AL die Bündnisgrünen.

Heute haben die Berliner Grünen knapp 3500 Mitglieder – fast so viele, wie 1978 an der AL-Gründungsversammlung teilgenommen hatten. Doch hat sich das Image der Partei inzwischen sehr gewandelt. Die Grünen gelten nach einer Umfrage als „verantwortungsbewusst“, „fleißig“ und „zukunftsorientiert“. Mit den alten AL-Attributen „radikal“ und „schillernd“ dagegen kann heute nur noch eine Minderheit etwas anfangen.

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