Berlin : Blick ins Verlies

In der Nähe des Bahnhofs Südkreuz ist ein neuer Gedenkort entstanden – in früheren Folterkellern

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Ausgetretene Steinstufen führen in die Tiefe, es ist dunkel und kalt in diesem weitläufigen Keller mit seinen Gängen, Türen und Verschlägen. „Damals wurden die Menschen direkt am Eingang vom Lkw die Kellertreppe hinuntergestoßen und dann verhört, brutal misshandelt, gefoltert, geschlagen und einige auch getötet“, sagt einer, der dabei war. Paul Tollmann, heute 96 Jahre alt, kann sich ganz genau daran erinnern, wie ihn im Frühjahr 1933 die SA abgeholt und an seinem 18. Geburtstag in das berüchtigte SA-Gefängnis Papestraße gebracht hat. In den ehemaligen Eisenbahnerkasernen an der General-Pape-Straße, nahe dem heutigen Bahnhof Südkreuz, befand sich zwischen März und Dezember 1933 das Gefängnis der sogenannten „Feldpolizei“, einer Sondereinheit der Führung der Nazi-„Sturmabteilung“ (SA). Jetzt ist der Ort mit dunkler Vergangenheit zu einem neuen Gedenkort geworden.

Dort wurden in zehn Monaten an die 2000 Menschen – Sozialdemokraten und Kommunisten, Gewerkschaftler, Gegner des NS-Regimes, jüdische Rechtsanwälte und Ärzte – eingesperrt. Einer der Mediziner war der Chirurg und Psychoanalytiker Erich Simenauer. Er wurde am 1. April 1933, dem sogenannten „Boykott-Tag“ gegen jüdische Einrichtungen und Geschäfte, von der SA im Kreuzberger Urban-Krankenhaus verhaftet und berichtete später, wie er im Papestraßen-Keller plötzlich einem Bewacher gegenüberstand, dem er kurz zuvor den Blinddarm herausoperiert hatte. Um sich erkenntlich zu zeigen, schrieb der auf die Rückseite des Laufzettels: „Nicht mißhandeln“. „Als in der folgenden Nacht die SA-Wachmannschaft eine wilde Prügelorgie veranstaltete, hielt ich denen, als ich an der Reihe war, meinen Zettel entgegen. Darauf befahl mir einer: Hinlegen! Ich warf mich zu Boden und wurde verschont. Recht und links von mir wurden einige Leute mit Knüppeln so lange geschlagen, bis sie tot waren. Mir hat dieser Zettel das Leben gerettet.“

Heute, 78 Jahre später, ist der Keller ein Geschichtsmuseum. Im Backsteinbau Werner-Voß-Damm 54 A findet sich eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse des frühen NS-Terrors in Berlin. Als der Gedenkort vor kurzem eröffnet wurde, sagte Andreas Nachama, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, dieser Tatort vermittle deutsche Geschichte nachhaltiger als Aufsätze und Kataloge. Hier sei zu sehen, wie schnell Demokratie durch Terror zerstört werden kann.

Matthias Heisig vom Förderverein Gedenkstätte Papestraße wohnte vor Jahren in einer Wohnung über den einstigen Folterkellern, „und eines Tages wollten wir Anwohner, Historiker, Politologen und Künstler mehr über die Ereignisse von damals in unserer engen Nachbarschaft wissen“, sagt der Historiker und erzählt, wie sie in Bibliotheken und Archiven immer mehr zur Geschichte des Ortes gesucht und gefunden haben. Entscheidende Hinweise kamen vom ehemaligen „Wurstmaxen“ aus dieser Gegend, seine SA-Kundschaft hatte sich ihrer Taten gebrüstet. Die Ergebnisse der jahrelangen Recherchen über die Täter, die Denunzianten und ihre Opfer sollen ab 2013 in einer Ausstellung gezeigt werden. Die Keller sind nahezu unverändert. In einem Raum läuft ein 2005 gedrehter Film, in dem Zeitzeugen Tempelhofer Schulkindern über ihr Leben in den Kellern berichten. Wer genau hinschaut, entdeckt an einer gekalkten Wand die Bleistiftzeichnung mit den Umrissen eines Porträts vom 15. Juni 1933. Unter dem Namen „David Moses Wiener-Trisker“ steht, in einer anderen Schrift, das Wort „Jude“. Mehr ist nicht bekannt. „Noch nicht“, sagt Matthias Heisig hoffnungsvoll.Lothar Heinke

Die Keller, Werner-Voß-Damm 54 A, sind zu besichtigen Mi. und So., 14–18 Uhr.

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