Blick unter die Oberfläche : Berlins Gewässern auf den Grund gegangen

16.07.2012 18:02 Uhrvon
  • Bitte Hecht freundlich. So erleben Taucher den Groß-Glienicker See zwischen Spandau und Potsdam: Ein Raubfisch lauert auf Beute. Foto: Siegfried Bäsler
    Bitte Hecht freundlich. So erleben Taucher den Groß-Glienicker See zwischen Spandau und Potsdam: Ein Raubfisch lauert auf Beute. - Foto: Siegfried Bäsler
  • Der Wissenschaftler Christian Wolter forscht in Friedrichshagen am Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Foto: DAVIDS
    Der Wissenschaftler Christian Wolter forscht in Friedrichshagen am Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. - Foto: DAVIDS
  • Schilf wiegt sich in der Strömung. Foto: Siegfried Bäsler
    Schilf wiegt sich in der Strömung. - Foto: Siegfried Bäsler

Berlins Unterwasserwelt liegt mitten in der Stadt und ist kaum bekannt. Sie ist das Reich der cleveren Bitterlinge, Riesenwelse und Wanderaale. Mit großem Aufwand will der Senat das Leben unter Wasser erleichtern.

Lautlos gleiten die Aale aus dem Kescher in die Havel. Hinein in die Unterwasserwelt, die mitten in der Stadt und doch ganz weit weg ist. 340 000 Exemplare werden allein in diesem Jahr in Berlin ausgesetzt; ein Großteil davon am vergangenen Mittwoch beim Fischereiamt am Stößensee. Statistisch kommt also auf zehn Berliner ein junger Aal. Doch sind Letztere einmal weggeflutscht, bekommt der Mensch sie allenfalls Jahre später an der Fischtheke wieder zu sehen. Grund genug für einen Blick unter die Oberfläche – ins Reich der allsommerlichen Monsterwelse und rätselhaften Blubberblasen. Was verbirgt sich hinter jenen 6,7 Prozent des Stadtgebietes, die die allermeisten immer nur oberflächlich sehen?

Wenn Christian Wolter erzählt, werden Gewässer dreidimensional.

Der Ingenieur vom Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Friedrichshagen am Großen Müggelsee hat schon Barsche am Kanzleramt gefangen und Plötzen in der Panke. Er weiß, dass er sich am alten Pfeiler der Brommybrücke in der Spree zwischen Friedrichshain und Kreuzberg auf Zander verlassen kann. Zumal Zander – anders als Hechte – ihre Beute eher der Nase nach jagen als mit Augenmaß, was ihnen in trübem Wasser einen Vorteil verschafft.

Auch weiß der Ökologe, dass die Schmerle kurz vor Berlin steht. Sie nähert sich von Osten her, über die Erpe. In deren Oberlauf wurde ihr dank der 2000 in Kraft getretenen Europäischen Wasserrahmenrichtlinie eine Wanderhilfe gebaut. Nun muss sie sich noch an den Abfluss des Klärwerks Münchehofe gewöhnen und den Weg in die Spree finden. Dabei bekommt sie politische Rückendeckung, denn die Behörden müssen nach Auskunft des Senats bei Sanierungsarbeiten neuerdings auf Naturnähe achten.

Die Verwaltung arbeitet an insgesamt neun Großprojekten im Sinne der Richtlinie, die einen „guten ökologischen Zustand“ der Gewässer bis 2015 fordert. In der Spree könnten am Plänterwald vom nächsten Jahr an zwei Flusskilometer renaturiert werden, wenn Fördergeld der EU rechtzeitig eintrifft. In der Panke werden nach Auskunft der Stadtentwicklungsverwaltung zwischen Buch und Niederschönhausen ab 2013 zwei Wehre und senkrechte Ufer durch Schrägen ersetzt. Insgesamt seien 17 Kilometer Renaturierung für das Flüsschen geplant, das bisher sein Leben durch ein Rohr in der Spreeufermauer am Schiffbauerdamm aushaucht. Auch das Tegeler Fließ soll 2015 zwei Fischtreppen erhalten. Im Landwehrkanal fährt schon jetzt allnächtlich die „Rudolf Kloos“ auf und ab, um die Fische mit Sauerstoff zu versorgen, bevor ihnen der hineingespülte Dreck der Stadt die Luft zum Atmen nimmt. Außerdem fischt ein Spezialschiff regelmäßig Müll aus den Gewässern: Am kommenden Montag ist der Tegeler Hafen dran. Und bei MTV an der Mediaspree soll im August endlich jener 500-Kubikmeter-Container in Betrieb gehen, der bei Regengüssen die Abwässer speichert, bis die Klärwerke wieder Kapazitäten haben.

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