Berlin : Blick zurück - wie der Senat sich in der Nacht zum 10. November 1989 vorbereitete

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In der Jubelnacht vom 9. zum 10. November 1989 gingen im Schöneberger Rathaus die Lichter nicht aus. Es war ja auch eine historische Nacht. Aber als Walter Momper um 22 Uhr 10 die Sondersitzung des rot-grünen Senats eröffnete, wusste man noch nicht, dass die Mauer einfach bersten würde. Die Bedeutung der neuen Reisebestimmungen Ost war klar, doch der Senat wollte sich rein organisatorisch darauf vorbereiten. Das Sitzungsprotokoll, das der Diepgen-Senat jetzt zum 10. Jahrestages hervorkramte, klingt entsprechend nüchtern. Es beginnt so: "Der Regierende Bürgermeister unterrichtet den Senat über den Beschluss des amtierenden Ministerrats der DDR vom frühen Abend über eine mit sofortiger Wirkung in Kraft gesetzte Reise- und Ausreiseregelung für Bürger der DDR und Ost-Berlins."

Der "Informationsaustausch" über die "daraus entstehenden Probleme für die Stadt" dauerte genau anderthalb Stunden. Auch Staatssekretäre, Behördenleiter, der Polizeipräsident und Spitzenvertreter der Koalitionsfraktionen diskutierten mit. Es ging um die "Koordinierung der innerstädtischen Verkehrsmaßnahmen", die Auszahlung des Begrüßungsgeldes, Besucher-Informationen über West-Berlin, die "Unterbringungsproblematik" und die Idee einer Sondersitzung des Abgeordnetenhauses, die anderntags ganz im Gegensatz zum Freudentaumel in Ost und West so disharmonisch verlief.

An jenem späten Donnerstagabend erklärte der Vertreter der BVG am Senatstisch gelassen, man sei in der Lage, "den erwarteten Besucherstrom zu bewältigen". Und Staatssekretär Rommerskirchen (Wirtschaft) meinte gemessen, der Informationsbrief "für die Einreisenden ist spätestens Mittwoch, voraussichtlich jedoch früher, fertig". Wirtschaftssenator Mitzscherling hatte schon mit Banken gesprochen: Die Sparkasse sei "bereit und technisch auch am besten gerüstet", das Begrüßungsgeld auszuzahlen; "das Risiko von Doppelzahlungen in den ersten Tagen sei nicht zu vermeiden". Das Landesamt für zentrale soziale Aufgaben informierte über 400 vorhandene Unterkünfte für Menschen, "die nicht nur besuchsweise hierbleiben wollen." Falls der bisherige Flüchtlingsandrang anhalte, reiche dies "bis Dienstag". Man bemühe sich um "zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten in Katastrophenschutzeinrichtungen".

Ingrid Stahmer war damals Bürgermeisterin und Sozialsenatorin: "Wir tagten ja vor dem Durchbruch an der Bornholmer Straße und rechneten so mit 1000 bis 2000 Besuchern in den nächsten Tagen, und dann waren es übers Wochende zwei bis drei Millionen." Die Ereignisse überstürzten sich noch während der Senatssitzung. Während Momper an den Grenzübergängen unterwegs war, machte Ingrid Stahmer im Rathaus weiter. Tausenderlei Dinge waren nun sofort zu regeln; schon das Begrüßungsgeld (100 Mark pro Ost-Besucher und Jahr) bekam urplötzlich eine völlig neue Dimension. Zwischen Berlin und Bonn glühten in dieser Nacht die Telefondrähte.

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