Berlin : Blickpunkt Italien: BerliNeapel

Roberto Giardina

Neapel, ob zu Recht oder zu Unrecht, ist so etwas wie das Symbol Italiens. Ein Teil für das Ganze. Wie Bayern für Deutschland. Für Ausländer tragen alle Deutschen Lederhosen wie alle Italiener "O Sole Mio" singen. Wir alle wissen sehr wohl, dass dies nie gestimmt hat. Aber gegen Allgemeinplätze kann man nicht kämpfen. Man muss lernen mit ihnen zu leben. In diesen Tagen wird an der Volksbühne in Berlin ein seltsames Neapel vorgeführt: "Die Zehn Gebote" von Raffaele Viviani. Ich habe das Stück in Rom gesehen und die Sprache war sogar für mich schwer zu verstehen. Es war dramatisch, grau, traurig. In Berlin wurde der Text zur Farce, fast zum Musical, farbig, vulgär, laut. Der Regisseur Christoph Marthaler hat alle neapolitanischen Klischees verwendet und er hat übertrieben.

Mit einem Theaterstück darf man alles machen. Bei uns muss der Prinz von Homburg immer wieder eine SS-Uniform anziehen. Armer Kleist. Marthaler will mehr als Neapel darstellen, er will zeigen, dass Berlin heute fast ein mitteleuropäisches Neapel geworden ist. Die wiedergefundene Hauptstadt mit Arbeitslosigkeitsrekord, einem erschreckenden Haushaltsdefizit, inkompetenten Politikern, korrupten Beamten. Die Berliner selbst sind der Meinung, dass sie einander ähnlicher sind, als man denkt oder fürchtet. Aber einige Zuschauer werden sicher glauben, dass Neapel so aussieht wie im Theater. So wie in Italien manche denken, dass Kleist ein Skinhead war.

Missverständnisse sind immer möglich. So hat in den letzten Monaten auch das Bild Italiens im Ausland Kratzer bekommen. Nicht zu Unrecht. Italien wurde in die Ecke gestellt wie ein böser Bube. Die europäischen Schiedsrichter zeigen Italien die gelbe Karte, ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Italien sieht die rote Karte nicht, weil die Spielregeln sie nicht erlauben. Sie bleiben auf dem Spielfeld, aber die anderen Spieler zeigen ihnen den Rücken. Es besteht die Gefahr, politisch isoliert zu werden.

Was tun? Es ist nicht einfach für einen Italiener im Ausland, über seine Heimat zu sprechen. Versucht man eine Verteidigung, wird man zum unglaubwürdigen Chauvinisten abgestempelt. Und wer kritisch schreibt, wird zum Landesverräter. Es gibt einen klassischen Ausweg: die Kultur ... Da ist Berlin ein gutes Beispiel. Abbado hat zwölf Jahre lang die Philharmoniker dirigiert. Renzo Piano hat den Potsdamer Platz mit aufgebaut und der Metropole das Gesicht des 21. Jahrhunderts gegeben. Die Berliner essen italienisch, tragen italienische Kleidung, hören Ramazzotti und Gianna Nannini, genießen Umberto Eco, der - glaube ich - mehr deutsche Leser hat als italienische.

Kein zweites Österreich

Anfang letzten Jahres, als der Sieg von "Forza Italia", der rechtsradikalen "Alleanza Nazionale" und der populistischen "Lega Nord" schon möglich schien, wurde Gerhard Schröder von der "Zeit" interviewt. Ja, wenn in Italien die Rechte gewinnen würde, sollte man gegenüber Rom dieselben Sanktionen verhängen, die man gegen Wien verhängt hatte. Aber, wie Haider sagte: Italien ist nicht Österreich, und Europa wollte auch nicht den gleichen Fehler wiederholen. Man hat das Land nur strenger beobachtet. Der neue Premier Berlusconi erklärte: "Mich interessiert nicht, was Bush sagt, ich bin sowieso einverstanden." Die europäischen Partner schüttelten den Kopf, sogar die Amerikaner waren verblüfft: "Warum ist Italien mit dem Abwehrsystem gegen die Schurken-Staaten einverstanden? Rom hat keine Vorteile davon", schrieb die "New York Times".

Um in Genua "bella figura" zu machen, wurden vor dem G 8-Gipfel die Blumentöpfe kontrolliert und den Hausfrauen wurde verboten, die Wäsche wie dort üblich am Fenster zu trocken. Die Freunde George, Tony und Gerhard sollten nicht von dem Anblick der ligurischen Unterhosen gestört werden. Unter den Augen von Bush, Blair und Schröder wurde die Stadt zu einem Schlachtfeld. Mit dem Tod eines Jungen als Bilanz. Fast wie in Schweden. Aber dort trat der Innenminister im Fernsehen auf und entschuldigte sich mit Tränen in den Augen. Bei uns weiß man noch nicht, wer der Verantwortliche war. Das Hauptproblem bleibt die Person Berlusconis. Darf jemand, der die Massenmedien kontrolliert und der in fast allen wirtschaftlichen Bereichen Interessen hat, überhaupt Premierminister werden? Ein Leo Kirch als Bundeskanzler?

Unmöglich, Italien nicht zu lieben

Berlusconi verspricht, dass das Problem bald gelöst werde und schwört auf sein Fair Play, aber solche Dinge passieren im Ausland einfach nicht. Alle diese Kritiken haben zu einer typischen Schwäche geführt. Wie Ihr Deutschen achten auch wir sehr darauf, was im Ausland über uns gesagt wird. Mit einem Unterschied: Ihr seid immer überzeugt, dass die anderen Recht haben. Wir leiden unter Verfolgungswahn. Ist es doch ganz unmöglich, uns nicht zu lieben. Wenn uns jemand kritisiert, dann sicher aus irgendeinem obskuren Interesse.

Diese Schwäche ist gefährlich, weil sie uns daran hindert, unsere Fehler zu korrigieren. In 50 Jahren hatte Deutschland nur sieben Kanzler, wir 55 Regierungen. Ist es da nicht normal, sich Stabilität zu wünschen? Zum ersten Mal haben wir sie jetzt erreicht, wenn auch das Ergebnis paradox ist. Wie können die Nationalisten der "Alleanza Nazionale" mit einer "Lega Nord" koalieren, die Italien in drei Stücke teilen wollte? Und die Hälfte der Italiener hat gegen die Rechte gestimmt. Deren riesige Mehrheit kommt durch das neue Wahlgesetz zustande. Vorher hatten wir 25 Parteien, jetzt sind es 37 geworden, vielleicht auch mehr. Jede kleine Gruppierung koaliert vor der Wahl, um die Vier-Prozent-Hürde zu umgehen, danach trennt man sich sofort wieder. So haben wir eine CDU mit 0,9 Prozent, doch die Bewegung des ehemaligen Staatanwalts Di Pietro, des Helden von "Mani Pulite" (saubere Hände) ist mit 3,9 Prozent nicht im Parlament. Die Helden der Revolution werden schnell vergessen, genau wie in Berlin. Auch Bossi, der Leader der "Lega Nord", träumt von einem föderalen System nach deutscher Art, immer mit vernünftigen Änderungen: ohne Geldtransfer zwischen armen und reichen Ländern. Wer mehr hat, behält alles. Und Berlusconi spricht manchmal von einer Regierung des Kanzlers "wie in Deutschland", ein stabiles, reiches Land, aber ich weiß nicht, was er meint.

Auch die so genannte Berliner Republik ist nicht so, wie die Italiener glauben. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist verloren, das Bruttosozialprodukt steigt nicht, und das Defizit ist das schlechteste seit langem, nur ein bisschen besser als unseres. Wie bei uns versucht man vergebens, Krankenkassen-, Steuer- und Rentensystem zu reformieren. Die Bürger haben kein Vertrauen in die alten Parteien, gehen nicht zur Wahl oder wählen aus Protest und Nostalgie. Wie kann man die PDS ins Ghetto schicken? Und die Partei von Schill, dem Haider des Nordens, hat in Hamburg fast 20 Prozent erreicht und droht, morgen im ganzen Land zu kandidieren.

All dies stimmt, aber es wäre nicht richtig, es auf ganz Deutschland zu übertragen. Vielleicht sollte man auch mit uns vorsichtig sein.

Die italienischen Richter, wegen Genua kritisiert, haben hart gegen Korruption gekämpft (bei uns wäre der Fall Leuna nicht so schnell abgeschlossen worden). Und im Süden stehen Richter mutig gegen die Mafia. Sie sind nicht die Einzigen.

Die Zuschauer der Volksbühne würden sich wundern. Und um mir zu widersprechen und die Kultur nicht zu vergessen: Unser Präsident Ciampi, der nach Berlin kommt, hat in Leipzig studiert. Er kann in jeder Situation Deutsch sprechen, Goethe zitieren und die Bilanz der Bundesbank verstehen. Er weiß, dass Kleist kein Skinhead war. Vielleicht hat doch das Theater Recht: Die Mischung ist wichtig, ein bisschen Neapel mit einem Stück Berlin, Marlene, die "O Sole Mio" statt die "Fesche Lola" singt, und Busse, die am Vesuv pünktlich ankommen. Das Rezept ist nicht einfach, manchmal ist der Geschmack nicht ideal. Man soll es nur weiter versuchen.

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