Berlin : Blindgänger entschärft: „Angst würde das Denken blockieren“

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Von Werner Schmidt

Gut zwei Stunden dauerte es gestern Mittag, bis die Polizeifeuerwerker den „Wohnblockknacker“ im Märchenviertel Köpenicks geknackt hatten. Seit 59 Jahren ruhte der britische Zwei-Tonnen-Blindgänger im Waldboden der Mittelheide. Nur etwa 50 Meter vom Däumlingweg im Köpenicker Märchenviertel entfernt, lag die Bombe, die mit vier, fünf gleichartigen am Heiligabend 1943 abgeworfen worden war. Der 69-jährige Siegfried Gall war damals ein Steppke, aber erinnert sich noch sehr genau: Am Stellingdamm sei eine gefallen, die anderen seien parallel zur Mittelheide abgeworfen worden. Die beiden anderen Bomben explodierten und verursachten immense Schäden.

Im Lauf der Jahrzehnte geriet die Luftmine in Vergessenheit. Erst als Gall vor kurzem während eines Spaziergangs auf Waldarbeiter stieß, berichtete er von seinem Kriegserlebnis, das er als Kind hatte. Experten einer Munitionsbergungsfirma, die den Köpenicker Stadtforst nach Munition durchsuchen, identifizierten schließlich den Fund, von dem sogar einige Zentimeter aus dem Waldboden ragten, als Luftmine.

Der letzte Blindgänger dieser Art war nach 33 Jahren Pause im Sommer 2000 im Plänterwald entschärft worden. An die dabei gesammelten Erfahrungen knüpften die vier Entschärfer Dirk Wegener, Bernd Nieter, Egin Laumer und Thomas Mehlhorn an. Eine Luftmine zu entschärfen, ist ein Höhepunkt in der Karriere eines Feuerwerkers, denn sie sind selten. Seit Kriegsende wurden mit der gestrigen Bombe erst sechs derartige „Wohnblockknacker“ unschädlich gemacht.

Drei Zünder an der Kopfseite wies der Blindgänger auf, die nicht nur durch den Aufprall beschädigt waren, sondern auch durch die Witterungseinflüsse in der Erde gelitten hatten. „Detonator“, „Zünderbüchse“, „Schlagbolzen“, „Ausbausperre“ waren die Schlagworte, mit denen Cheffeuerwerker Dirk Wegener nach erfolgreich getaner Arbeit perfekt jonglierte - wie kurz zuvor noch mit seinem Spezialwerkzeug. Durch die Beschädigungen und die zusätzlich eingebauten Ausbausperren - Fallen, mit denen die Hersteller verhindern wollten, dass die Bomben durch schnelles Herausdrehen der Zünder unschädlich gemacht werden können - gerieten die Entschärfer mächtig ins Schwitzen: „Nicht aus Angst - die darf man nicht haben, die blockiert das Denken“, sagte Dirk Wegener. Aber Anspannung, Konzentration und körperliche Anstrengung zehren.

Der Bombenkörper war zwei Meter lang und hatte 76 Zentimeter Durchmesser. Ihre Wirkung erzielten die Luftminen durch die Druckwelle, die bei der Explosion von 1,3 Tonnen Sprengstoff entstand. Alles im Umkreis von 300 bis 500 Metern wurde zerstört - der nachfolgende Sog des Unterdrucks riss dann um, was stehen geblieben war. „Normale“ Fliegerbomben wirkten durch ihre Splitterwirkung. Die Metallhülle wurde in Tausende scharfkantige Einzelteile zerfetzt.

Mehr als 1100 Blindgänger sind seit 1948 vom Munitionsbergungsdienst der Berliner Polizei unschädlich gemacht worden. Die Experten vermuten, dass noch immer mindestens dieselbe Menge in der Erde liegt. Je länger sie dort ruhen, desto gefährlicher werden sie auch: Durch chemische Veränderungen der Zünder werden Entschärfungen zunehmend unwägbarer und risikoreicher. Zum handwerklichen Fundus der Entschärfer gehört daher auch chemisches Grundwissen.

Wie viele Bomben während des Krieges über Berlin abgeworfen wurden, weiß keiner genau. Schätzungen zufolge allerdings explodierten fünf bis zehn Prozent der Sprengkörper nicht und bilden noch immer eine große Gefahr. Zwei Mal explodierten in den vergangenen zwei Jahrzehnten Blindgänger: 1983 detonierte unter dem Hasenhegerweg in Neukölln ein Bombe. Hier blieb es bei Sachschaden. Wesentlich schlimmere Folgen hatte die Explosion einer Fünf-Zentner-Bombe 1994 an der Pettenkoferstraße in Friedrichshain. Dabei starben drei Menschen, zahllose wurden verletzt. Ein Bagger hatte beim Rammen einer Spundwand in einer Baugrube den Zünder eines dort liegenden Blindgängers getroffen.

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