Blog : Wenn du in Berlin lebst

Die Engländerin Josie Thaddeus-Johns interpretiert in ihrem Blog "When you live in Berlin" die Alltäglichkeiten der Stadt mit Filmszenen.

Steffi Sandkaulen
So wie Holly Golightly in "Frühstück bei Tiffany" reagieren die Freunde der Blog-Autorin, wenn sie von den Mietpreisen in der Stadt hören. Screenshot: Tsp
So wie Holly Golightly in "Frühstück bei Tiffany" reagieren die Freunde der Blog-Autorin, wenn sie von den Mietpreisen in der...Screenshot: Tsp

Schon klar, in Prenzlauer Berg schieben Mütter Kinderwagen durch die Gegend, Hipster kaufen auf dem Mauerpark-Flohmarkt ein und in Friedrichshain verstopfen spanische Touristengruppen die Simon-Dach-Straße. Es gibt viele Berlin-Klischees, lachen können darüber nur noch die Wenigsten.

Bei dem, was Josie Thaddeus-Johns daraus macht, ist das vermutlich anders. In ihrem Blog „When you live in Berlin“ („Wenn du in Berlin lebst“) sammelt die Engländerin ihre persönlichen Stadtmomente. Szenen aus einer Stadt zwischen Partyrausch und Wohnungssuche, typisch Berlin eben, eigentlich nichts Besonderes. Lustig wird das ganze dadurch, dass Thaddeus-Johns jedem Eintrag eine kurze Filmsequenz beifügt. Beispiel: So ist der Satz „Wenn Du nach 9 Uhr morgens ins Berghain gehst“, unterlegt mit dem jungen Haley Joel Osment, der in „The Sixth Sense“ murmelt „Ich kann tote Menschen sehen“. Oder zu „Wenn ich bei Curry 36 esse, obwohl ich Vegetarier bin“ ist Joey aus der Serie „Friends“ zu sehen, der mit verschmiertem Mund sagt: „Es tut mir nicht einmal leid.“

Josie Thaddeus-Johns ist überrascht vom Erfolg ihres Blogs. „Auch wenn die Idee eigentlich naheliegend ist, habe ich noch keinen Blog gefunden, der mit den Berliner Stereotypen spielt“, sagt die 24-Jährige. „Also habe ich selbst einen erstellt.“ Anfang des Jahres ging ihr Tumblr-Blog online. Zunächst hat sie nur die Beobachtungen von sich und ihren Freunden festgehalten. Mittlerweile arbeitet sie auch Vorschläge von Besuchern ein. „Es ist interessant zu sehen, was dabei rauskommt“, sagt Thaddeus-Johns.

Für die bewegten Bilder nutzt die Engländerin eine Technik, die älter ist als sie selbst: Die Gif-Animation, die Einzelbilder aneinanderreiht und sie – etwas ruckelig – wie eine Sequenz aneinanderreiht. Damit trifft Thaddeus-Johns den Nerv der Zeit: Die Gif-Animation ist derzeit, Retrotrend sei Dank, so beliebt wie nie. Als Verb wurde „to gif“, also eine Gif-Animation erstellen, beim US-Oxford Dictionary sogar zum Wort des Jahres 2012 gewählt.

Erst im vergangenen Herbst ist Thaddeus- Johns nach Berlin, wie so viele, weil sie die kreative Energie reizte. „Die Leute machen hier einfach worauf sie Lust haben“, sagt sie – und tat es ihnen gleich. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin in dem kreativen Milieu, über das sie sich in ihrem Blog lustig macht.

Viele Einträge, wie der Erstkontakt mit dem Kult-Getränk Club-Mate und die Schwierigkeiten beim Lernen der deutschen Sprache, sind auf Zuzügler gemünzt. Die meisten aber sind allgemeinverständlich: „Es ist 84 Jahre her…“, erzählt eine runzlige alte Frau. „Das Warten darauf, dass der Winter vorübergeht“, heißt es im Blog-Eintrag – und das Problem kennen schließlich nicht nur Neu-Berliner.

Den Blog finden Sie unter: whenyouliveinberlin.tumblr.com

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