Berlin : Bloß kein Schellengerassel!

Der Akkordeonspieler Dojan Jovanovic liebt Zigeunermusik jenseits der Klischees.

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Mit Tasten und Knöpfen. Berlin bedeutet für den aus Serbien stammenden Akkordeonspieler Dojan Jovanovic jetzt die Heimat. Foto: Paul Zinken
Mit Tasten und Knöpfen. Berlin bedeutet für den aus Serbien stammenden Akkordeonspieler Dojan Jovanovic jetzt die Heimat....

Dojan Jovanovic wird nicht müde. Die Zeiger der Plastikuhr ticken auf die Zehn zu, die kahlen, weißen Wände reflektieren das Deckenlicht auf sein rundes Gesicht, auf grauem Filzteppich steht ein abgewetztes Ledersofa. Jovanovics weinrotes Hemd leuchtet gegen die tristen Farben an. Morgen früh um sechs geht es auf Tour, bis gerade eben hat er Akkordeonunterricht gegeben. Trotzdem strahlt Jovanovic, wird von einem Strom von Erinnerungen getragen, wenn er von seiner Musik spricht, von Konzerten und all den Gruppen, mit denen er schon gespielt hat. „Jetzt wird langsam auch mein Traum wahr", sagt er. Endlich hat er das perfekte Ensemble gefunden. Zusammen mit zwei Griechen und einem Bulgaren will er seine Akkordeonmusik aus dem Balkan neu erfinden. Denn fragt man den Diplom-Akkordeonisten nach seiner Lieblingsmusik, ist die Antwort eindeutig. „Die Zigeunermusik ist die lustigste.“

Zigeunermusik? Darunter kann man viel verstehen, vom Flamenco der spanischen Gitanos über die „musique tzigane“ der französischen Roma, der Manouches bis hin zu Balkanklängen. Jovanovic ist ein serbischer Rom, gehört der südosteuropäischen Roma-Minderheit an. „Zigeunermusik“, das ist für ihn die Musik der großen Feste in den Dörfern seiner Heimatregion um die Stadt Obrenovac, einer Hochburg der Roma-Musik. „Manchmal ist man zu einer Hochzeit gegangen und hat dann spontan mit den Musikern gejammt“, erzählt er. „Und dann hat man einfach stundenlang nicht aufgehört.“ Damals lernte er, das Akkordeon zu lieben. Ganz ungetrübt blieb diese Liebe nicht: Auf dem Musikgymnasium wollte man ihn nicht, deshalb nahm er erst einmal Privatstunden und lernte Kontrabass, seine Eintrittskarte in die Musikschule. „Ich hatte Glück, dass meine Eltern die Stunden bezahlen konnten“, sagt der 38-Jährige. Der Familienzusammenhalt, die bedingungslose Liebe zu den Kindern – das sind für Jovanovic Schlüsseleigenschaften seiner Kultur. Er kommt aus einer Akademikerfamilie, sein Onkel setzt sich für die Erhaltung der Roma-Sprache Romanes ein.

Musikalisch bewegt sich Jovanovic aber auf dem ganzen Balkan und über seine Grenzen hinaus. Lebhaft erinnert er sich an einen Wettbewerb, bei dem er von einem etablierten Akkordeonisten herausgefordert wurde: „Das ging von serbischer Musik zu bulgarischer, mazedonischer und dann hin zur World Music.“ Über eine Stunde lang spielten die beiden gegeneinander an, bis Jovanovic als Sieger aus dem Duell ging.

Damals sah man ihn im serbischen Fernsehen, er war ein Folklore-Star in seinem Heimatland. „Ich hatte da wirklich Zukunft“, sagt er. Irgendetwas aber fehlte dem jungen Musiker, der in Belgrad seine Ausbildung im klassischen Akkordeonspiel beendet hatte.

1999 kam er nach Berlin und lernte seine Frau, eine rumänische Sängerin, kennen – auf der Bühne eines Balkan-Musikfestivals. 14 Jahre, ein Diplomstudium an der Hanns-Eisler-Schule und zahlreiche Musikprojekte später lebt die Familie in Kreuzberg. Berlin ist seine Heimat, sagt Dovanovic, sein Fixpunkt auf all den Tourneen und Reisen. Ein Ort nicht nur zum Erholen, sondern auch zur Inspiration, zum Austausch mit anderen Künstlern. „Ich sehe es ja auch in der Schule bei meinen Kindern: Berlin ist so offen, hat so viele Kulturen.“ Trotzdem weiß er auch um die Erwartungen des deutschen Publikums. Lange Soli kommen nicht so gut an, da braucht es Gitarrengrooves und eine fetzigen Beat im Hintergrund. Und die Leute wollen Show. „Natürlich gibt es Roma-Frauen, die bunte Röcke tragen“, sagt Jovanovic. „Aber die Röcke bei den Zigeunerbands hier sind noch zehnmal bunter.“ Manchmal kommen Zuschauer nach den Konzerten und fragen, ob es nicht anstrengend war, den ganzen Weg mit dem Wohnwagen aus Serbien hierherzukommen. Jovanovic lacht. „Manchmal hätte ich gerne einen Wohnwagen, um einfach in der Welt rumzufahren und Musik zu machen.“ Ansonsten sind ihm Schellengerassel in Kopftuch und Pumphose zuwider. Statt Klischees zu verstärken, will er Brücken bauen mit seiner Musik. Im Verein „südost Europa Kultur“ arbeitet er mit Roma-Flüchtlingen, beim Projekt „Musik erzähl mein Leben“ brachte er deutsche Akkordeonschüler und Roma-Familien zusammen. Rührend sei das gewesen, als die Familien nach Verfolgung und Diskriminierung das ehrlich Interesse an ihrer Musik erfahren durften. „Bei Musikmachen passiert noch viel mehr als nur der Klang. Es geht doch auch um die Gemeinschaft, um das Soziale.“ Nantke Garrelts

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