Berlin : Bloß keine Untergangsstimmung!

C. v. L.

Für sein Sorgenkind am Ostufer der Spree feierte der Bundestag gestern, fast vier Jahre nach dem ersten Spatenstich, das Richtfest. Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, nach dem Paul-Löbe- und Jakob-Kaiser-Haus der dritte und letzte Parlamentsneubau, ist rund zwei Jahre im Verzug. Das künftige wissenschaftliche Servicezentrum mit der Parlamentsbibliothek, auf 212 Millionen Euro veranschlagt, soll bis zum Frühherbst 2003 fertig sein. Der Zeitplan könnte eng werden. Überraschend kündigten die "Generalplaner" - Firmen aus der Bauleitung - wegen Honorarstreitigkeiten über mehrere Millionen Euro ihre Verträge mit der Bundesbaugesellschaft Berlin (BBB).

Allerdings sind nach Auskunft der BBB 95 Prozent der Architekturleistungen bereits erfüllt. Man werde die Planer auffordern weiterzumachen, andernfalls eine Auffanggesellschaft einsetzen, es seien ausreichend Baufachkräfte am Markt. Bei den Streitigkeiten geht es unter anderem darum, dass die Generalplaner wegen der Bauverzögerungen Zuschläge fordern, die BBB aber meint, dass die Firmen die Risiken kannten und außerdem "Personal ausgedünnt" hätten.

So war die Stimmung leicht gedrückt. Der Spreeplatz mit großer Freitreppe, der Reichstag und die große Glasfront des Paul-Löbe-Hauses gegenüber, in der sich der markante Rohbau spiegelt: Das neu entstandene dicht-urbane Idyll im Parlamentsviertel hätte sich schon mal zur Probe und mit Muße genießen lassen. Aber der kalte Wind pfiff, und der Regen sprühte ungemütlich, so dass Bundestagspräsident Wolfgang Thierse vor der Richtfestrede erst noch seinen Fahrer bitten musste, den Mantel zu holen. "Endlich, endlich, endlich", rief Thierse dann ins Mikrofon, und er meinte damit den nach vielen kostspieligen Wirrnissen und Verzögerungen fertiggestellten Rohbau. Er habe die "nachhaltige Hoffnung", dass der Ausbau nun zügig vorangehe, rief Thierse mit scharfer Betonung, von Untergangsstimmung wolle er nichts hören. Architekt Stephan Braunfels, auch Generalplaner, hatte zuvor versichert, als Architekt werde er das Schiff nicht verlassen. Er sei zuversichtlich, dass der Bundestag termingerecht einziehen könne. Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus gilt als letzter "Mosaikstein" des Deutschen Bundestags im Spreebogen.

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