Berlin : Bloß nicht auffallen

Japaner in Berlin bleiben unter sich – und sind gut organisiert: Es gibt Schulen und eine Universität

Thomas Loy

Wo findet man Japaner in Berlin? Schnelle Antwort: In der Philharmonie oder bei Sony am Potsdamer Platz. Ansonsten bleiben sie unsichtbar. Das gehört zur japanischen Nationalkultur: nicht auffallen. Mehr als 2000 Japaner leben laut amtlicher Statistik in Berlin. Die meisten eilen vom Büro in die Tiefgarage und dann weiter nach Zehlendorf. Dort, direkt am Wannsee, ist die Japanische Internationale Schule. Es ist nicht einfach, mit Japanern über das japanische Berlin zu sprechen. Masahiro Iwasaki, Generaldirektor der „Jetro“, der japanischen Außenhandelsorganisation in Berlin, empfiehlt ein Gespräch mit Herrn M. von der Japanischen Industrie- und Handelsvereinigung. Herr M. empfiehlt dagegen nachdrücklich, mit Herrn Iwasaki zu sprechen. Schließlich erklärt er sich doch zu einem Gespräch bereit. Allerdings müsse seine Person dabei völlig aus dem Spiel bleiben. Also wird aus Herrn M. ab hier eine „gut unterrichtete Quelle“, eine GuQ. Laut GuQ liegt die Zahl real existierender Japaner in Berlin weit niedriger als 2000. Das liege an der Neigung vieler Japaner, sich behördlicher Registrierung zu entziehen. Nicht mal als Ziffer möchten sie auffallen. Die meisten kommen für maximal drei Jahre nach Berlin, sind „ausgesprochene Durchläufer“, sagt Günther Haasch, Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft (DJG). Japaner ballten sich nicht in „landsmannschaftlichen Gruppen“ zusammen. Die meisten Japaner in Berlin seien begeistert von der hohen Lebensqualität der Stadt, dem vielen Grün, den breiten Straßen, auf denen man noch richtig Auto fahren kann, den geringen Arbeitszeiten. Hier bleiben wolle aber kaum jemand, sagt Haasch. „Deutschland ist kein Aufsteigerland.“ Die Forschung und Wirtschaft in Berlin werde in Japan nur noch als zweitrangig angesehen.

Integrieren können sich die „Durchläufer“ in drei Jahren kaum. Neben der Arbeit noch die Sprache zu lernen – wo letztlich doch auf Japanisch oder Englisch kommuniziert wird – macht zu viel Mühe. Die Kinder werden in der japanischen Schule von japanischen Lehrern nach japanischen Lehrplänen unterrichtet. Sonst ist die Reintegration in Japan gefährdet. Wer länger in Berlin bleiben will, schickt seine Kinder auf eine deutsche Schule und zusätzlich auf die japanische Ergänzungsschule in Charlottenburg. Dort werden rund 100 Kinder vornehmlich aus deutsch-japanischen Familien einmal die Woche in zwei Fächern unterrichtet: Japanisch und Mathe.

Mieko Fisch lebt seit mehr als 25 Jahren in Berlin. Sie gehört als selbstständige Unternehmerin zu den „Individualisten“, quasi der untersten Kaste. Darüber stünden Studenten, darüber Professoren, weiter oben Firmenmanager und ganz oben Diplomaten. Frau Fisch spart nicht mit Kritik an japanischen Gepflogenheiten. Sprachenlernen sei für viele Japaner wegen des Fehlerrisikos und dem dadurch drohenden Gesichtsverlust schwierig. Zudem sei kaum eine Japanerin bereit, ihr Wissen weiterzugeben, wenn sie keinen Meistertitel hat. Es gebe Konkurrenzdenken untereinander. „Japaner wollen immer die Besten sein.“

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