Berlin : Bloß nicht aufgeben

Berliner Unicef-Aktivisten hoffen auf einen Neuanfang im April. Bis dahin wollen sie erst einmal stillhalten

Claudia Keller

Sie mussten viel erdulden in den vergangenen Monaten, die Ehrenamtlichen von Unicef. Nun auch noch das: Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen hat Unicef Deutschland am Mittwoch das Spendensiegel aberkannt. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, könnte man sagen. In der Berliner Geschäftsstelle will man aber gar nichts mehr sagen.

In der Charlottenburger Nehringstraße hängen die bunten Unicef-Postkarten aufgereiht an einer Wäscheleine im Schaufenster. In einem Schaukasten wirbt die Organisation um ehrenamtliche Mitarbeiter: „Wir suchen Menschen, die ihre Zeit, Kraft und Talente in den Dienst der Kinder stellen wollen“, heißt es da. 2006 sammelten die rund 300 ehrenamtlichen Aktivisten in Berlin 1,2 Millionen Euro an Spenden und Verkaufserlösen aus Grußkarten. „Wir machen unsere Arbeit normal weiter“, ist einem Mann mit rotem Hemd und grauen Haaren zu entlocken, „wir arbeiten schließlich nicht für Herrn Garlichs, sondern für die Kinder“. Dietrich Garlichs ist der bisherige Geschäftsführer von Unicef-Deutschland. Seine Arbeit ist jetzt vor allem durch Schlamperei und mangelnde finanzielle Transparenz berühmt geworden. Mehr will der Herr mit dem roten Hemd aber wirklich nicht sagen. „Bitte haben Sie Verständnis, rufen Sie in Köln an.“ Die Kölner, so die Botschaft, hätten den Schlamassel angerichtet, nun sollen sie ihn auch, was die Medien betrifft, auslöffeln.

Uwe Schwarz von der Stadtteilgruppe Charlottenburg-Wilmersdorf ist bereit zu reden. Und wie. „Die Aberkennung des Spendensiegels ist der absolute Gau.“ Er und die 15 anderen Helfer haben gehofft, dass es so weit nicht kommen würde. Andererseits sei man sich bewusst, dass die Vorwürfe, die dazu geführt haben, berechtigt sind. „Das ist umso bedauerlicher, als wir Ehrenamtlichen uns mit Leib und Seele für die Sache, für die Kinder einsetzen“, sagt er. Alle Hoffnungen richten sich nun auf den 10. April. Dann treffen sich die Mitglieder des deutschen Komitees und wählen einen neuen Vorstand. Schwarz erwartet, dass der alte Vorstand komplett zurücktritt und ein Neuanfang möglich ist. „Sollte sich herausstellen, dass das in Köln nicht so gesehen wird, hat das Konsequenzen.“ Schwarz hat von anderen Stadtteilgruppen gehört, wo Ehrenamtliche ausgestiegen sind, die Gruppe Niederrhein hat sich aufgelöst, Leipzig habe die Aktivitäten erst mal eingestellt. „Da ist viel Stillstand und Abbruch“, sagt Schwarz. Die Charlottenburger und Wilmersdorfer wollen sich zunächst nicht in der Öffentlichkeit präsentieren. „Wir an der Basis kriegen dann ab, was die oben vermasselt haben. Da haben wir keine Lust drauf.“

Henriette Wulf, um die 50 Jahre alt, ist zwar auch „herbe enttäuscht“, will sich aber nicht entmutigen lassen. Dass ihrer Stadtteilgruppe Steglitz-Zehlendorf vor ein paar Tagen angeboten wurde, auf dem Ostermarkt in Steglitz kostenlos einen Stand aufzubauen, habe ihr Hoffnung gemacht, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in dieUnicef doch noch nicht ganz zerstört ist. Andere in ihrer 16-köpfigen Gruppe würden keine weiteren Aktionen vorbereiten wollen, bevor nicht alles aufgeklärt ist. Auch die Zehlendorfer starren nun auf das eine entscheidende Datum: den 10. April. Entweder ein echter Neuanfang mit neuen Leuten, oder alles werde bröckeln. Henriette Wulf will versuchen, die Aufmerksamkeit von Leuten, die nun fragen, wem sie da eigentlich ihr Geld gegeben haben, auf die Grußkarten zu lenken. „Das ist vielleicht noch mal etwas anderes als mit den Spenden. Mit so einer Postkarte hat man etwas in der Hand, wenn man Geld gibt, einen Gegenwert, den man nach Hause tragen kann.“

Vielleicht habe es so weit kommen müssen, vielleicht habe auch noch das Spendensiegel aberkannt werden müssen, damit allen klar wird, dass es keine Alternative zum radikalen Neuanfang gibt, sagt Uwe Schwarz und versucht der Katastrophe etwas Positives abzugewinnen. Mit kleinen Schritten Vertrauen aufbauen, das könnte die Strategie nach April sein. „Das kann lange dauern“, sagt Henriette Wulf. Die Zeit der Illusionen ist vorbei.

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