Berlin : Bloß nicht blamieren

Die erste Velotaxi-Weltmeisterschaft findet natürlich am Geburtsort der modernen Fahrrad-Rikscha statt Banker Martin Zenk ist einer von 40 Startern. Trainiert hat er im Allgäu – nur Wettkampfroutine fehlt ihm

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Die beinseitigen Muskelpakete können sich sehen lassen, und doch rechnet Martin Zenk nicht mit dem Einzug ins Finale. Die Wettkampferfahrung ist einfach zu gering. Genaugenommen sitzt der 43-jährige Banker aus Rudow erst zum zweiten Mal in seinem Leben in einem Velotaxi. Beim ersten Mal, das war beim Velothon-Spaßrennen im Mai, sicherte er sich gleich das Ticket für die WM.

Freizeit-Radrennfahrer Zenk ist einer von 40 Startern bei der weltweit ersten Velotaxi-Weltmeisterschaft, die natürlich in Berlin, dem Geburtsort der modernen Fahrrad-Rikscha, stattfindet. Austragungsort ist der Olympiapark nördlich des Olympiastadions. Dort treten am Samstag ab 12.30 Uhr Fahrer aus 40 Ländern in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an. Auch zwei Leser des Tagesspiegels sind im Starterfeld. Die Sieger bekommen je tausend Euro und eine Erlebnisreise. Nach Berlin.

Zenk war für zwei Wochen im Trainingslager: Allgäu. Anspruchsvolle Bergetappen. Zweimal täglich bearbeitete er die Pedale seines Rennrads. Seine Familie dachte, er würde Urlaub machen wie immer, aber dann packte ihn doch der Ehrgeiz. Man will sich ja nicht blamieren vor den Kollegen.

Die Sprintdistanz für die Velotaxi-Fahrer beträgt 300 Meter. Das klingt nicht viel, aber Zenk weiß, dass seine Puste nicht viel weiter reichen würde. Im Fond sitzen noch zwei Begleitpersonen, Mann und Frau, so steht es im Reglement. Da sind schnell 300 Kilo plus x zusammen, und wenn die Beifahrer mehr als die Hälfte davon beisteuern, hat der Fahrer keine Chance. Nun zur Renntaktik. Die ist relativ simpel: „Alles, was drin ist.“

Neben Sprint gibt es noch die Disziplinen Geschicklichkeit und Ausdauer. Was genau dort gefordert ist, weiß Zenk gar nicht so genau. Auch von den Konkurrenten kennt er nur wenige. Immerhin den deutschen Meister aus Schleswig-Holstein, einen Kerl wie ein Baum. Dessen Bestzeit: 51 Sekunden.

Früher habe er die Velotaxifahrer eher belächelt, sagt Zenk. Nun ist er voller Bewunderung für die Antrittsleistung der Touristenkutscher. „Das ist anspruchsvoll.“ Und auf die Dauer sehr ermüdend. Deshalb hilf den Fahrern im Alltag ein elektrischer Hilfsmotor. Bei den WM-Fahrzeugen wäre das allerdings eine regelwidrige Manipulation, wie bei der Tour de France.

Zenks Chef wird unter den Zuschauern sein, allein das dürfte seinen Ehrgeiz befeuern. Eine Nebenbeschäftigung als Rikschafahrer möchte er sich langfristig aber nicht aufbauen. „Als Banker verdient man ja ganz gut.“ Überhaupt würden sich die Jobs schlecht koordinieren lassen. Seine Kundentermine absolviert Zenk mit Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Per Velotaxi vorzufahren, könnte vielleicht doch etwas am konservativen Bankerimage kratzen.

Velotaxen fuhren in Berlin erstmals 1997. Inzwischen gibt es die abgasfreien Personentransporter in 120 Städten weltweit. Besonders die Japaner lassen sich gerne in einer Rikscha made in Berlin herumkutschieren. Die Chinesen haben das deutsche Velotaxi längst raubkopiert, kommen allerdings mit der robusten Technik nicht klar. Die Firma Veloform lässt die Rikschas in Holland und Tschechien vorproduzieren und baut sie in Lichtenberg zusammen. Stückpreis: 10 000 Euro.

Veloform lebt aber nicht nur vom Verkauf der Taxen in die ganze Welt. Werbung und Imagetransfer sind die Vehikel, mit denen sich Geld verdienen lässt. Auf vielen Firmen-Events und Messen fahren die Citycruiser – so heißen die Rikschas offiziell – die Gäste herum und verbreiten gute Laune.

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