Berlin : Bloß weg damit

Berlins Müll ließ sich zwar aus der Stadt schaffen, aber brennen wollte er nicht

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Der Bau der Kanalisation ab 1871 hatte zwar ein altes Problem gelöst, aber zugleich ein neues geschaffen: Der Müll war zu gar nichts mehr gut. Was sich zuvor mit gutem Willen noch als „Dünger“ bezeichnen und auf den Feldern vor der Stadt verteilen ließ, musste nun anderweitig gesammelt und entsorgt werden. Die beginnende Verbreitung von Konserven verstärkte diesen Effekt und ließ den Müllberg wachsen.

Erhebungen im Jahr 1895 ergaben, dass der Durchschnittsberliner täglich ein halbes Kilo Müll produzierte. Die Abfälle bestanden etwa zur Hälfte aus „Feinmüll“, also Asche und Staub. Die andere, gröbere Hälfte ähnelte dem, was noch heute anfällt. Ihr Hauptbestandteil war organisches Material, also Speisereste und Pflanzenabfälle.

Alles zusammen bildete eine Mischung, die weder in den noch üblichen Gruben an den Häusern noch auf den drei städtischen Abladeplätzen – am heutigen Osthafen, in der Landsberger Allee und in der Müllerstraße – auf Dauer gelagert werden konnte.

Wohin also mit dem Müll? Erst wurden natürliche Senken aufgefüllt und mit Sand bedeckt. Dann wurde der Abfall per Kahn oder Bahn aus der Stadt auf gepachtete und gekaufte Abladeplätze gebracht.

Ideal war keine dieser Lösungen. Verlockend schien deshalb die Technik der Müllverbrennung, die sich in England bereits bewährt hatte. 1893 bewilligten die Stadtverordneten 100000 Mark für erste Versuche. Fachleute reisten nach England, bauten zwei verschiedene Arten von Öfen, zündeten den Müll an. Allein – er brannte nicht. Auch die Zugabe von Brennmaterial war vergebens. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Hausmüll anderswo unverbrannte Reste von Steinkohle enthielt. Die Lausitzer Braunkohle aber, mit der die Berliner heizten, war von minderer Qualität.

Obwohl inzwischen mehr als 100 Jahre vergangen sind, ist das Thema noch immer aktuell: Besonders die organischen Inhaltsstoffe machen den Müll so feucht, dass er nur dank anderer Bestandteile und ausgefeilter Technik verbrannt werden kann, wie in der 1967 errichteten Müllverbrennungsanlage Ruhleben. obs

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