Berlin : Blühendes Geschäft mit der Justiz

HANS TOEPPEN

BERLIN .Der Verlierer zahlt alles - so lautet ein Grundsatz des deutschen Zivilprozeßrechts.Einen Prozeß muß man sich gut überlegen.Vor allem, wenn es um viel Geld und hohe Verfahrenskosten geht.Mancher potentielle Kläger verzichtet stillschweigend, weil er sich vor Gericht nicht ruinieren will.Da liegt die letzte Hoffnung an der Matterhornstraße 44 in Schlachtensee.Die Firma "Foris" finanziert Prozesse - ein, wie sie meint, einmaliges Modell auf der Welt.Und die Foris AG boomt."Wir haben enorm gut zu tun", sagt Vorstand Lothar Müller-Güldemeister.Fünf bis zehn Anfragen gehen pro Tag an der Matterhornstraße ein.Selbst aus den USA hätten sich schon Interessenten gemeldet.Das jüngste Berliner Anwaltsblatt hat die Firma gerade noch einmal vorgestellt und das Prüfungsergebnis der Rechtsanwaltskammer veröffentlicht: Keine berufsrechtlichen Bedenken.Foris führt nämlich selbst keine Prozesse, sondern bezahlt sie nur.

Das Prinzip ist, wie berichtet, relativ einfach: Die Firma untersucht die Erfolgsaussichten einer Klage und die Zahlungsfähigkeit des Beklagten.Sieht beides günstig aus, übernimmt sie das gesamte Kostenrisiko.Geht der Kläger trotzdem vor Gericht baden, zahlt sie alles.Gewinnt er, streicht Foris ihre eigenen Kosten und die Hälfte des Streitwerts ein.Wer mit Hilfe von Foris prozessiert, kann also immer nur mit der Hälfte seiner Forderung rechnen.Aber er trägt auch kein Risiko.

Erst seit Mitte des Jahres hat die Firma für sich geworben."Wir kriegen jetzt viel mehr Verfahren, als wir erwartet haben", sagt Müller-Güldemeister.30 Prozesse werden deutschlandweit zur Zeit finanziert, mehr als 100 Fälle werden zur Zeit geprüft.Schon im nächsten Jahr könnten die 400 Prozesse erreicht sein, auf die sich die Kalkulation der zweieinhalbjährigen Anlaufphase stützt: 400 Verfahren mit einem durchschnittlichen Streitwert von 400000 Mark.Der Durchschnitt liegt jetzt aber schon bei 800000.

Foris hat nur zwei Bedingungen.Der Kläger muß bereits einen Anwalt haben, der Fall soll also "mundgerecht" sein.Und es muß um mindestens 100000 Mark gehen.Sonst macht man alles.Grundstücks-Streitigkeiten, Erbschaften, Restitutionen, Produkthaftungsprozesse, Arzthaftungsprozesse, fehlerhafte Anlageberatung: alles jedenfalls, was um Geld geht."Was wir auf den Tisch kriegen, sind schon richtige Krimis.Man sieht, was Großunternehmen oder der Staat den Bürgern so zumuten, da nehmen wir das Prozeßkostenrisiko ab", sagt Müller-Güldemeister.

Wie bei der heute 78jährigen Frau, deren Geburtshaus 1977 in der DDR enteignet wurde und die jetzt vom Amt zur Regelung offener Vermögensfragen in einer ostdeutschen Stadt "schnöde abgewiesen" worden sei.Die alte Frau wollte das Prozeßrisiko von 50000 bis 100000 Mark nicht tragen.Jetzt klagt sie doch.Foris finanziert den Fall.Das Haus hat einen Wert von einer Million Mark.

Nach oben gibt es allerdings auch eine Grenze.Den Streit um ein Atomkraftwerk könnte auch Foris sich nicht leisten."Risiken, die unsere Kapitalausstattung übersteigen, werden wir nicht übernehmen".Begonnen hatte die Foris AG mit einem Kapital von 500000 DM, später erhöht auf zwei Millionen.Jetzt wird es gerade auf zehn Millionen gehoben.

Mehr als 1000 Aktionäre, sagt Müller-Güldemeister, seien inzwischen eingestiegen - "jede Menge Anwälte darunter".Die geschäftliche Kalkulation ist vorsichtig.52,5 Prozent der Prozesse sollen gewonnen werden - das ist der statistische Durchschnitt vor den deutschen Landgerichten.

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