Berlin : Blumen am Denkmal für Dersu

Mahnwache für Jungen, der von einem Rechtsabbieger überrollt wurde

Annette Kögel

„Lachweltmeister, deine Späße, deine Scherze, die werden uns fehlen“ – das Lied hatten Freunde schon bei der Beerdigung des kleinen Dersu im vergangenen Jahr gesungen. Gestern nun stimmten es jene an, die sich am Nachmittag zum Gedenken an der Unfallstelle versammelten und dort bald ein Denkmal für Dersu aufstellen wollen.

An der Kaiser-Friedrich-Straße Ecke Bismarckstraße hatte ein 40-jähriger Lieferwagenfahrer einer Fast-Food-Kette am 23. März 2004 den Kopf des neunjährigen Kindes vor den Augen seiner Mutter überrollt. Am Todestag des Jungen aus Charlottenburg wurde erneut eine gesetzlichen Regelung zu Rückspiegeln bei Lkw gefordert, wie sie andere europäische Länder trotz EU-Widerspruches längst erlassen haben (s.unten).

Auf dem Grünstreifen lagen Blumen, auch Kränze der Fraktionen von SPD und Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf. Voll war es, links und rechts rauschte der Verkehr, die Reden von Mitgliedern des Kiezbündnisses Klausenerplatz gingen fast im Lärm unter. Und doch sind die Forderungen klar. „Weg mit dem toten Winkel, her mit dem Gesetz“, stand auf Papp-Paragrafen. „Es grenzt an systembedingten Totschlag, dass ein Gesetz versprochen wurde, aber nichts geschieht“, sagte Lutwin Temmes vom Kiezbündnis.

Martin Keune, Begründer der Spendenaktion im Tagesspiegel für den Dobli-Weitwinkelspiegel, forderte „mehr Mut vom Gesetzgeber wie in Dänemark“. Wenn nichts mehr helfe, dann aktuelle Zahlen der EU für Deutschland wie diese: „Der volkswirtschaftliche Schaden durch Tote und Verletzte nach Tote-Winkel-Unfällen beläuft sich im Jahr auf 325 Millionen Euro. Wenn der Staat jedem Lkw-Betreiber einen Spiegel spendieren würde, wären das nur 60 Millionen Euro“. Welcher Politiker könne den Verwandten jener Menschen, die wegen fehlender Sicherheitsvorschriften zu Schaden kommen werden, in die Augen schauen – das fragte Dersus Onkel laut in die Runde.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig und der Verkehrsexperte der SPD im Abgeordnetenhaus, Christian Gaebler, vereinbarten, an die EU-Parlamentarier heranzutreten. Katrin Schäfer von der SPD im Bezirk und Grünen-Kollege Andreas Koska wollen sich für das Ton-Mahnmal stark machen, das Bildhauerin Rachel Kohn schon mal in Pappe aufgebaut hatte: Ein Turm mit Bodenrelief als Denkmal für die Opfer im Straßenverkehr. Bezirksstadträtin Martina Schmiedhofer (Bündnisgrüne) ließ die Idee schon vom Tiefbauamt prüfen – erfolgreich. Der Wunsch, wie in Amsterdam gewisse Straßen für Lkw ohne Zusatzspiegel sperren zu lassen, sei hingegen schwerer umzusetzen.

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