Berlin : Blumen vom Senat und Vollpension auf Usedom

Michael Kelm hat Mut bewiesen. Dafür dankte ihm Wowereit

Jörg-Peter Rau

Wenn Michael Kelm aus dem Haus geht, muss er jedes Mal mit einer unguten Begegnung rechnen: Der Mann, der ihn halbtot geschlagen hatte, wohnt nur eine Straße weiter. Zwar ist er zu zweieinhalb Jahren verurteilt worden, doch angetreten hat er die Strafe noch nicht. Und ob er statt der Straßenbahn nicht doch lieber ein Taxi nehmen soll, überlegt er inzwischen auch. Denn in einer Straßenbahn war der 42-Jährige im Sommer dieses Jahres brutal angegriffen worden – weil er Zivilcourage gezeigt und einen Mann in Schutz genommen hatte, der angepöbelt wurde. Die Mediziner im Klinikum Buch sagten, solche grausige Verletzungen hätten sie bisher nur bei Unfallopfern gesehen.

Nun sitzt Michael Kelm im Roten Rathaus, neben ihm seine Frau Marion Hoffmeister und wartet auf seinen Termin mit Klaus Wowereit, der ihm ein Geschenk überreichen will. Routiniert beantwortet er die Standardfragen, doch irgendwann sagt er auch leise: „Ich hätte nicht gedacht, was Menschen Menschen eiegentlich antun können.“ Trotzdem: Er wolle Beispiel dafür sein, dass es sich lohnt, sich einzumischen, bei Gewalt nicht einfach wegzusehen. Marion Hoffmeister hält die ganze Zeit seine Hand, ist stolz auf das couragierte Einschreiten ihres Mannes, spricht von „Selbstverständlichkeit“. Michael Kelm sagt, er würde wieder eingreifen, wenn ein Mensch in Gefahr ist. Seine Wunden sind indes noch nicht verheilt.

Da ist das taube Gefühl in der Stirn, das rechte Ohr funktioniert noch nicht richtig, der Geruchssinn kaum. Und an den Abend will er gar nicht mehr zurückdenken, hat vor dem Prozess die Hilfe einer Psychologin in Anspruch genommen, „ich hatte Angst, dass die Schublade nochmals aufgeht.“ So hat er die Entschuldigung des Täters im Prozess „zur Kenntnis genommen.“

Die Arbeit, der Michael Kelm inzwischen wieder nachgehen kann, ist eine Art der Therapie. Andere Unterstützung gibt die Opferhilfe-Organisation „Weißer Ring“. Regina Geiß, die Kelm von Anfang an betreut, nutzt den Termin bei Wowereit, um auch politisch Druck zu machen. Denn bis Michael Kelm das Geld bekommt, das ihm nach dem Opferentschädigungsgesetz zusteht, kann noch viel Zeit ins Land gehen.

Vorerst kann er sich über eine Woche mit Vollpension auf Usedom freuen. Der Hotel- und Gaststättenverband war eingesprungen, als das Land eine Anerkennung geben wollte. Und die BVG will sich noch mit einer Jahreskarte bedanken.

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