Berlin : Blut, Schweiß und Gähnen

Zu nachtschlafender Zeit kamen ein paar hartgesottene Gläubige zur Berliner Premiere der „Passion Christi“ in den Zoo-Palast

Thomas Loy

Kurz vor der Geisterstunde sind noch 999 Plätze frei in Saal 1, dem Amphitheater des Zoo-Palasts. Eigentlich sind es über 1000, aber vierstellige Zahlen verweigern die Programm-Bildschirme am Eingang. Zwei Kamerateams lungern herum, erzählen sich lästerliche Witze. Sie hatten Harry-Potter-Schlangen erwartet, aber die Nacht spült nur ein paar versprengte Spätausgänger vor ihre Linsen.

Was ist los? Drinnen beginnt gleich der Leidensweg Christi, zum ersten Mal in nahezu voller Länge und Brutalität dargestellt, und von den Christenmenschen lässt sich kaum einer blicken. Dabei haben ihre Kritikerfürsten Bäche voller Tinte ausgegossen, um die „Passion Christi“ des Missions-Regisseurs Mel Gibson zu kommentieren. Christian Arbeit, Marketing-Mann der „UCI-Kinowelt“, ist herausgekommen, um die Journalisten zu beruhigen. „Wir waren uns auch nicht sicher, ob eine Mitternachtspremiere funktioniert. Das Thema ist in Deutschland nicht so präsent.“ Auch das mit den untertitelten Originalsprachen, Aramäisch, Hebräisch und Latein, sei für hiesiges Publikum doch „eher befremdlich“. Arbeit versucht, zur Anschauung ein paar Worte Aramäisch zu krächzen und sieht dabei aus, als hätte er ein rohes Ei verschluckt.

Die ausgehungerten Fernsehreporter stürzen sich auf die spärliche Beute. Hip-Hopper Sami Ben Mansour, der nur halb so orientalisch aussieht wie sein Name klingt, erzählt erst mal, dass Jesus gar nicht gekreuzigt worden ist. „Der hielt sich versteckt und ist dann mit seinem ganzen Körper zum Himmel aufgefahren.“ Sami ist Muslim und sieht die Passion eher als „Science-fiction-Geschichte mit wahrem Kern.“ Und wozu dann das viele Blut? „War eben kein Kaffeekränzchen. Menschen sind halt Schweine.“ Sami bemüht sich als Rap-Musik-Verleger um eine deutliche Sprache. Er hat seine Mutter und ein paar Freunde mitgebracht. Die haben ihm die Filmpremiere zum Geburtstag geschenkt.

Dann kommen drei Schüler aus Südostanatolien, syrisch-orthodoxe und aramäische Christen, sagen sie. Ihre Haare sind hochgegelt, an jeder Brust hängt ein Kreuz. Sie wollten „ganz streng“ gucken, was bei Gibsons Passionsgeschichte stimmt und was nicht. Dass die brutale Gewalt stimmt, zweifeln sie nicht an. „Das ist realistisch. Der wurde nicht mit Samthandschuhen angefasst.“ Die ungefilterte Grausamkeit sei aber auch ein zusätzlicher Reiz, in den Film zu gehen, gibt einer von ihnen zu. Später werden die drei das Kino fluchtartig verlassen.

Viele Gläubige sind in dieser Nacht unterwegs. Ein orthodoxer Jude läuft schnell durchs Foyer und hebt die Hände zur Abwehr der Kameras. Eine Gruppe junger Siebentagsadventisten will herausfinden, ob der Film sie emotional erreicht. Vielleicht ergibt sich ein „neuer Bezug zu Ostern“, hofft Matthias. Später sind sie eher enttäuscht. Das körperliche Leiden Jesu sei nicht das Wesentliche in der Passion, meint Titus. Matthias hat zudem viele „historische Fehler“ entdeckt. Muslim Sami ist dagegen begeistert. „Geld, Macht und Verrat – darum geht es doch auch heute überall.“ Er will jetzt mal alles genau nachlesen. Michael Liebe, christlicher Rocker, ordnet den Film auf seiner persönlichen Bestenliste gleich hinter „Herr der Ringe“ ein. Besonders überzeugend fand er die römischen Soldaten. „Man hatte den Eindruck, denen hat das Quälen wirklich Spaß gemacht.“ Die Gewaltexzesse entsprächen im Übrigen „der Zeitepoche“. Woher weiß er das? Und kann man das Zuschauern aus einer völlig anderen Epoche zumuten?

80 Menschen sind gekommen, haben sich mit Popcorn, Bier und Burgern versorgt und quatschen nun fröhlich über die Vorfilme hinweg. Darin geht es wie immer um Mord, Erpressung, Leidenschaft, Kriegsgemetzel und dämonischen Horror. Brad Pitt führt Krieg gegen Troja, wenig später quillt Blut aus einem Kruzifix. Ist aber noch nicht der Hauptfilm, nur irgendwas mit „Engeln der Apokalypse“. Dann kommt Jesus von Nazareth – ein großer, kräftiger, sympathischer Mann –, und es dauert nicht lange, da blutet er auch schon und stundenlang muss er bluten und die römischen Peitschenhaken reißen sein Fleisch in Fetzen. Und das Schlagen und Peinigen hört nicht mehr auf. Eine Orgie aus Blut, Tränen und Staub. Im Kinosaal breitet sich Beklemmung aus, Hände fahren über Gesichter, Finger bilden Sehschlitze, die auf- und zuklappen. Als die schweren Nägel durch die Handteller des Messias gleiten, zieht eine junge Frau die Luft pfeifend durch ihre Zähne. Die visuelle Schmerzgrenze ist überschritten.

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