Berlin : Blutbad in der Silvesternacht: Die Witwe wollte sich den Bräuchen nicht beugen

Kerstin Gehrke

Der jüngere Angeklagte riss die Augen weit auf. Sein Blick ging zu den Zuhörern im Gerichtssaal hinüber, dann schnell wieder zu Boden. Unsicher und ängstlich wirkte Magid Z. am Dienstag zu Beginn des Prozesses um ein Blutbad in der Silvesternacht vor dem Berliner Landgericht. Es geht um dreifachen Mord, um eine Tat, die alle Züge eines archaischen Verbrechens trägt. Der afghanische Jugendliche, der nach einer Altersbestimmung mindestens 16 Jahre alt ist, und sein 29-jähriger Onkel Badshah Z. sollen drei Verwandte erschossen und erstochen haben. Aufgrund des Alters von Magid Z. und weil es Todesdrohungen gegen die Angeklagten gegeben haben soll, schloss das Gericht die Öffentlichkeit nach Verlesung der Anklageschrift aus.

Das neue Jahr war gerade eine Stunde alt. Draußen auf der Straße explodierten die Knaller, Raketen stiegen in den Himmel. Doch ein Bewohner des Hauses Elsenstraße 46 in Neukölln wurde noch auf einen anderen Krach aufmerksam: Schüsse und Schreie aus der Wohnung einer afghanischen Familie. Der türkische Nachbar alarmierte die Polizei. Den Beamten bot sich ein Bild des Grauens: Im Flur lag eine Leiche, im Wohnzimmer eine weitere, und im Schlafzimmer eine dritte. Alles war voller Blut. Auf dem Balkon hatten sich mehrere Kinder versteckt. Die Opfer waren die dreifache Mutter Nezara Z., ihr Bruder und ihr Cousin.

Magid Z. wurde sofort festgenommen. Mit blutverschmierten Händen. Die Wohnung der 32-Jährigen Nezara Z. war seit mehreren Jahren auch sein Zuhause. Der im vergangenen Jahr verstorbene Ehemann der Frau hatte seinen Neffen zu sich nach Berlin geholt. Bei der Vernehmung durch die Polizei soll der Junge, ein abgelehnter Asylbewerber, erklärt haben: "Ich bin erst 13, mir kann nichts passieren." Nach einer vorläufigen Altersbestimmung mittels Röntgenaufnahme sowie Untersuchung von Kiefer und Zähnen ist Magid Z. 16 oder 17 Jahre alt und strafmündig.

Aus Sicht der Anklage ging es bei der Tat um die Witwe. Der Familienclan des verstorbenen Mannes soll von Nezara Z. verlangt haben, dass sie entsprechend den Bräuchen dieses Stammesverbandes ihren Schwager Badshah Z. heirate. Sie aber lehnte das ab. Zudem soll sie entgegen dem Willen der Verwandtschaft ihres Mannes das durch ihn hinterlassene Geld in Höhe von etwa 80 000 Mark für ihre eigenen Zwecke verwendet und auch Mitgliedern ihres Clans etwas gegeben haben.

In der Silvesternacht soll Magid Z. die Tür geöffnet haben. Sein Onkel war der Anklage zufolge mit einer Pistole bewaffnet, beide trugen demnach Messer. Der Bruder und der Cousin von Nezara Z. sollen sich den Angreifern in den Weg gestellt haben. Alle drei Opfer wurden vor den Augen der Kinder der Frau von Kugeln getroffen und mit bis zu 50 Messerstichen getötet. Die zwei- bis zwölfjährigen Waisen wurden zunächst in Pflegefamilien untergebracht. Ein Anwalt vertritt die drei älteren im Prozess als Nebenkläger. Zu Aussagen der beiden Angeklagten, die im Ermittlungsverfahren geschwiegen hatten, soll es am ersten Verhandlungstag noch nicht gekommen sein.

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