Berlin : Blutrotes Rathaus

Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner verwandeln Berlin in die Hauptstadt der Blutsauger: in ihrem Vampir-Comic „Berlinoir“. Die Handlung spielt unterm Dach des Sony Centers, in Kreuzberger Kellern und Marzahner Plattenbauten. Aber nicht nur dort

Lars von Törne

Vom Treppengeländer blättert der Rost. Die alten Backsteinwände sind porös und staubig, die Fensterhöhlen zugemauert. Käme jetzt aus einer dunklen Ecke eine Schar Fledermäuse angeflattert, wäre das kaum überraschend. Orte wie die versteckte Ruine hinter der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg sind es, die Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner inspirieren. „Wenn man genau hinguckt, kann man überall in Berlin vampirische Orte entdecken“, schwärmt Kleist beim gemeinsamen Spaziergang durch das alte Gemäuer. Im vergangenen Sommer war hier eine improvisierte Bar eingerichtet, in der Kleist viele Abende verbracht hat. Jetzt finden sich Elemente der Ruine in seinen Zeichnungen wieder.

In der bunten Horror-Trilogie „Berlinoir“, von der kürzlich der erste Band mit dem Titel „Scherbenmund“ erschienen ist, demonstrieren der 34-jährige Zeichner Kleist und der 36-jährige Autor Meißner sehr kurzweilig, wie viel Gruselpotenzial die Stadt hat. Der Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters wird da zum „Blutroten Rathaus“, in dem Vampire die Herrschaft übernommen haben. Das Zeltdach des Sony Centers setzt sich in den Straßen der ganzen Stadt fort, damit die Blutsauger nirgends von der Sonne belästigt werden. Und die Rebellen, die den spitzzähnigen Unterdrückern den Kampf angesagt haben, bereiten sich in den Kellergewölben Kreuzberger Mietshäuser und in Marzahner Plattenbauten auf die große Entscheidungsschlacht um die Stadt vor.

Kleist und Meißner haben eine fantastische Parallelwelt erdacht und gezeichnet, in der das reale Berlin zu einem in den Himmel wuchernden Moloch mutiert ist, „Berlinoir“ genannt. Auch wenn die Sciencefiction-Metropole stellenweise ein wenig wie eine zusammengeklaubte Mischung der Kulissen von „Metropolis“, „Blade Runner“ und „Nosferatu“ wirkt, ist doch in jeder Szene das reale Vorbild wiederzuerkennen. Fernsehturm und Dom tauchen in verfremdeter Form ebenso auf wie das Berliner Ensemble und der Wasserturm in Prenzlauer Berg – „Berlin ist einfach eine ideale Kulisse“, schwärmt Zeichner Kleist.

Die Einflüsse filmischer Vorbilder von Murnau bis zu modernen Vampirschockern sind auch bei der wilden, vielschichtigen Story zu spüren, in der es um den blutigen Kampf menschlicher Widerstandskämpfer geht, gepaart mit Versatzstücken aus Romeo und Julia, Actionfilmen sowie historischen Anspielungen an Nationalsozialismus, Kommunismus und die deutsche Politik der Gegenwart. In erster Linie ist „Berlinoir“ aber ein praller, bunter Bilderreigen für Berlin-Fans. Und es ist ein gelungenes Beispiel von Teamwork in der Berliner Underground-Kulturszene, in der Meißner und Kleist schon seit längerem zu den vielversprechendsten Talenten gehören.

Gut ein Jahr haben die beiden an der Geschichte und den Bildern gearbeitet, sind durch die Stadt gelaufen, haben Ideen gesammelt, diskutiert und wieder verworfen und sich anhand von zahllosen Fotos eine düstere Parallelwelt zusammengebastelt. „Es macht großen Spaß, mit der Architektur der Stadt herumzuspielen“, sagt Reinhard Kleist. Und Meißner ergänzt: „Man kann fast alle Berliner Gebäude vampirisch umdeuten.“ Vor allem die großen Prachtbauten von Reichstag bis Flughafen Tempelhof „haben doch alle etwas Römisch-klassisch-ewigwährend-Wirkenwollendes.“

Ihre Begeisterung für Vampirgeschichten begründen die beiden mit der Vielschichtigkeit der spitzzähnigen Wesen. „Vampire sind eine Metapher für Sexuelles, für Macht…“, sagt Reinhard Kleist. „…und sie eignen sich perfekt für politische Parabeln“, ergänzt Meißner und assoziiert sich fröhlich von Vampiren zu Begriffen wie Schattenwirtschaft und Blutsauger über Analogien zwischen Vampirherrschaft und von Menschen geschaffenen Diktaturen zu der Frage, wie weit auch im echten Leben die Bürger bereitwillig eine Vampirregierung akzeptieren würden, wenn ihnen die Blutsauger im Gegenzug nur persönliche Sicherheit und Arbeitsplätze versprächen. Das ist viel Bedeutungsanspruch für 48 bunte Comic-Seiten, aber Kleist und Meißner verbinden ihre gewichtigen Assoziationsketten mit einer spielerischen Freude an Action, Kitsch und Trash, sodass „Berlinoir“ vor allem eines ist: sehr unterhaltsam. Und wer nach der Lektüre noch Zweifel hat, dass die Vampire auch im realen Berlin schon längst ihr Unwesen treiben, dem empfehlen Meißner und Kleist einen Blick auf das historische Stadtwappen. Und tatsächlich: Der Bär hat ganz spitze Zähne – und blutrote Krallen.

Tobias O. Meißner/Reinhard Kleist: Berlinoir, Teil 1: Scherbenmund. Verlag Edition 52. ISBN 3-935229-23-2, 48 Seiten, 12,50 Euro. Band 2 soll im Sommer erscheinen. Tobias O. Meißner liest am 18. Mai aus seinem gerade erschienenen Roman „Paradies der Schwerter“, 20Uhr, Literaturwerkstatt (Kulturbrauerei, Danziger Straße, Prenzlauer Berg ).

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